Mirage

Zunächst ist zu klären, ob es überhaupt sinnvoll ist, ein anderes Betriebssystem für den Atari zu benutzen. Um diese Frage zu beantworten, muß man sich zuerst überlegen, welche Aufgabe ein Betriebssystem zu erfüllen hat. Es ist dafür verantwortlich, daß der Anwender mit dem Rechner kommunizieren kann, egal ob dies per Tastatur oder Maus geschieht. Außerdem muß es dafür sorgen, daß die Befehle ausgeführt werden, die der User ihm, auf welchem Weg auch immer, übermittelt hat. Diese Kommandos ihrerseits gehören wiederum immer zu einem Teil des Betriebssystems.

Wir haben nun die grundlegenden Eigenschaften eines Betriebssystems anhand des Atari TOS vorgestellt. Worin unterscheiden sich jetzt die am Markt befindlichen Betriebssysteme? Man kann sie in folgende drei Gruppen einteilen:

Die Systeme der dritten Gruppe sind in der Lage, die Rechnerressourcen "gleichzeitig" mehreren Anwendern und deren Programmen zur Verfügung zu stellen. Damit dabei keine Überschneidungen auftreten, sind verschiedene Kontrollstrukturen, z.B. das Sperren von Files, sowie eine Zugangskontrolle mittels Paßwort eingebaut. Auf diese Weise soll verhindert werden, daß mehrere User gleichzeitig auf ein und dasselbe File zugreifen oder nicht autorisierte Anwender mit dem Rechner arbeiten.

Das "gleichzeitige" Benutzen des Rechners durch mehrere User ist natürlich nur scheinbar möglich. In Wirklichkeit wird die Prozessorzeit für alle Anwender und deren Programme von einem übergeordneten Kontrollmechanismus geregelt. Ein entsprechendes Aufteilen dieser Zeit ist natürlich nur dann sinnvoll, wenn die Rechengeschwindigkeit eines Computers so hoch ist, daß die Aufteilung in den meisten Fällen vom Benutzer nicht mehr wahrgenommen werden kann. Damit ist schon klar, wo sich solche Betriebssysteme einsetzen lassen. Dazu kommen nur leistungsfähige Rechnersysteme mit einer schnellen 16- oder 32Bit-CPU in Frage. Die Geräte der Atari-ST-Serie besitzen einen solchen 16/32-Bit-Prozessor, den Motorola 68000. Diese CPU ist so leistungsfähig, daß sie bis auf einige Grafikanwendungen die meiste Zeit in Warteschleifen des TOS verbringt und auf eine Aktion des Benutzers wartet.

Wenden wir uns nun dem Betriebssystem Mirage zu, das zur dritten Gruppe gehört. Es bietet in der Implementierung, die zum Test vorlag, zwei weitere Eigenschaften, die es für. kleinere Betriebe interessant machen. So ist es möglich, durch den Anschluß eines Terminals an das RS-232/ V.24-Interface des ST den Rechner sofort von zwei Personen benutzen zu lassen. Ferner lassen sich zwei STs über die MIDI-Schnittstelle mit einem normalen Kabel verbinden. Mit dem zum Betriebssystem gehörigen Treiber erhält man ein nicht sehr schnelles, aber billiges Netzwerk, das für die meisten Aufgabenstellungen ausreicht. Außerdem lassen sich Programme resident in den Hauptspeicher laden, die dann von allen benutzt werden können. Damit ist auch eine optimale Speicherauslastung gegeben.

Mirage stellt ein durchaus ernstzunehmendes Betriebssystem für kleinere und mittlere Betriebe dar. Der niedrige Preis von 550,- DM (Grundversion) ermöglicht es aber auch dem interessierten Hobbyanwender, sich mit Betriebssystemen dieser Gruppe auseinanderzusetzen. Ein Manko liegt allerdings in dem noch geringen Software-Angebot. Für die gebräuchlichen Programmiersprachen wie Pascal, C, APL, Lisp und Basic gibt es jedoch bereits Implementierungen für Mirage. Damit stellt dieses Betriebssystem für alle Anwender, die ihre Programme speziell anfertigen lassen müssen, eine sehr gute Alternative zum TOS dar. Um sinnvoll mit Mirage arbeiten zu können, benötigt man mindestens eine Festplatte. Außerdem macht die Sache erst mit einem großzügig bemessenen Hauptspeicher von 1 MByte und mehr richtig Spaß.
Michael Beising



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