
Alles, was in der Heimelektronik Rang und Namen hat, traf sich in Las Vegas zur Winter Consumer Electronic Show (CES). Vier Tage lang dachte bei »Chips« niemand mehr an Black Jack oder Roulette, sondern nur noch an Computer.
Man durfte sowohl die Modelle 65 XE, 130 XE, und 65 XEP sehen — alles erweiterte Versionen des alten 800 XL - wie auch die 16-Bit-Kreationen 130 ST und 520 ST. Im passenden Design dazu gab es außerdem eine ganze Reihe neue Drucker und Diskettenstationen. Mittelpunkt des Interesses waren natürlich die Computer der ST-Reihe. Unterkühlt elegant m nüchternem Hellgrau, mit Zehnerblock und abgesetzten Cursor-Tasten, erinnern die beiden Modelle 130 ST und 520 ST stark an professionelle Bürocomputer. Beide besitzen einen 68000-Mikroprozessor als CPU. die intern mit 32 Bit rechnet. Extern arbeitet sie mit 16 Bit. Damit können theoretisch über 16 Millionen Adressen direkt angesprochen werden. Entsprechend groß darf der verwaltete Speicherbereich sein. Der 130 ST besitzt 128 KByte RAM (erweiterbar auf 320 KByte) und 192 KByte ROM mit Basic und Logo, eine Hardware-Uhr und ein Maus-Anschluß sind bereits vorhanden. Das Modell 520 ST unterscheidet sich vom 130ST nur durch die serienmäßige Ausstattung mit 512 KByte RAM.
Bei einer derart hohen Auflösung und der schnellen 68000-CPU konnte Atari auch ein neues Software-Konzept realisieren. Der 130 ST wird serienmäßig mit GEM von Digital Research ausgestattet sein, ein Programm, das dem Anwender die Bedienung leicht macht und an Apples Macintosh erinnert. Das Bedienermenü arbeitet mit Symbolen und kann mit der Maus gesteuert werden. Außerdem erlaubt GEM Windows, Drop-down-Menüs und Vektor-Grafiken.
Kein Wunder also, daß bereits der Spitzname »Jackintosh« die Runde macht. Beide Modelle besitzen für die externe Massenspeicherung einen eingebauten Diskettencontroller, an den die neuen 3,5-Zoll-Laufwerke SF 324 (250 KByte) oder SF 354 (500 KByte) angeschlossen werden können. Darüber hinaus ist eine Schnittstelle für ein 3,5-Zoll-Festplattenlaufwerk (SH 317) mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von 1,3 MByte pro Sekunde eingebaut. Sogar ein Modul-Schacht ist vorhanden. Dazu kommen eine RS232- und eine Centronics-Schnittstelle, sowie Anschlüsse für einen RGB- und Monochrom-Monitor, TV, Joysticks und eine Maus.
Etwas unklar aber in jedem Fall sensationell ist die Aussage zum geplanten Festplattenlaufwerk: Es soll unter 600 Dollar (zirka 1860 Mark) kosten! Die Angaben zur Kapazität schwankten allerdings zwischen 10 MByte und 15 MByte. Letzter Stand sind 10 MByte, 3,5-Zoll. Für diesen Preis gibt es bei vielen Herstellern noch nicht einmal ein normales Disketten-Doppellaufwerk. Neben solchen Leckerbissen darf man aber die neuen Modell der XE-Reihe nicht übersehen. Vor allem haben diese im Gegensatz zur ST-Reihe den Vorteil, wenigstens teilweise mit dem alten 800 XL kompatibel zu sein. Auch die XE-Reihe präsentierte sich im neuen Design. Zwar nicht ganz so professionell, dafür aber handlicher als die großen ST-Brüder stellen sie genau genommen unterschiedlich modifizierte 800 XL-Maschinen dar. Das Grundmodell 65 XE unterscheidet sich vom 800 XL zum Beispiel nur durch das neue Gehäuse und soll rund 120 Dollar (zirka 370 Mark) kosten, wenn es in den USA auf den Markt kommt. Etwas mehr Speicherplatz bietet der 130 XE mit seinen 128 KByte. Mit einem Preis von weniger als 200 Dollar (das entspricht knapp 620 Mark) wird er dem ebenfalls auf der Messe neu vorgestellten und voraussichtlich 250 Dollar teuren Commodore 128 schwer zu schaffen machen. Das Modell 65 XEM konnfe laut Atari nicht mehr rechtzeitig fertiggestellt werden. Es wird zwar nur 64 KByte besitzen, soll dafür aber mit brilliantem Klang aufwarten. Neben dem üblichen vierstimmigen Atari-Sound kann der 65 XEM achtstimmig zwischen 4,8 Hz und 7,8 kHz (über 10 Oktaven in der Grundfrequenz) trällern. Die Töne werden dabei nicht einfach als Rechteckimpulse generiert, sondern mit einer Samplefrequenz von 30 kHz synthetisiert.
Beim Kontrahenten Commodore ging es nicht weniger interessant zu. Dort stellte man drei neue Versionen des C 64 vor, neben einer neuen Floppy-Station. Auf einem Abendempfang zeigte man der Presse außerdem zum ersten Mal den IBM-kompatiblen Commodore PC. Es fehlte allerdings der heiß erwartete Amiga. Ihn will man bei Commodore erst auf der Sommer-CES im Juni in Chicago zeigen, von der wir ebenfalls exklusiv berichten werden.
Rechts neben dem alphanumerischen Block ist noch ein Zehnerblock mit eigener ENTER-Taste angeordnet. Besonders professionelle Anwender werden diese Erleichterung für die Zahleneingabe zu schätzen wissen. Das eigentlich überraschende am PC 128 ist aber die weitreichende Kompatibilität mit dem C 64, ganz entgegen der bisherigen Philosophie von Commodore, neue Modelle möglichst inkompatibel zu gestalten. Auf der Messe liefen im C 64-Modus alle vorhandenen C 64-Programme, egal ob von Kassette, Diskette oder aus dem Modul. Auch die Anschlüsse stimmen überein, so daß beim Systemwechsel die gesamte Peripherie weiterbenützt werden kann. Mit dem PC 128 erhält man also einen vollwertigen C 64 mit all seinen Grafikfähigkeiten, Soundeigenschaften und sonstigen Fähigkeiten.
Das Betriebssystem, ein Maschinensprach-Monitor und ein neues Basic 7.0 sind in einem 48 KByte großen ROM untergebracht. Weitere 16 KByte enthalten das DOS (Disk Operating System). Das Basic 7.0 umfaßt alle Befehle der Version 2.0 (C 64 und VC 20), 3.5 (C 16, C 116) und 4.0 (CBM 8032 etc.), sowie einige zusätzliche Befehle, zum Beispiel für Windows und strukturiertes Programmieren. Die Auflösung beträgt im PC 128-Modus maximal 640 x 200 Punkte, kann aber auf 320 x 200 Punkte reduziert werden. In beiden Fällen können 16 Farben dargestellt werden. Eine Anpassung der verbreiteten Anwendersoftware, wie zum Beispiel Vizawrite, soll laut Commodore recht einfach sein. Gerade solche Software kann durch die 80-Zeichen-Darstellung noch viel gewinnen. Aber damit noch nicht genug. Neben dem 8502-Prozessor besitzt der PC 128 einen fest eingebauten Z80A, der mit 4 MHz getaktet ist und Programme akzeptiert, die unter CP/M Plus 3.0 laufen. Damit wäre die Anwendung so bekannter Business-Programme, wie Wordstar und dBase II möglich. Vielleicht bahnt sich auf dem Umweg über den Riesen Commodore eine Renaissance der leicht gealterten CP/M-Welt an. Voraussetzung wäre allerdings ein Preisrutsch, da Privatleute kaum so viel zu zahlen bereit sind, wie Profis.
Ã"hnlich wie Atari, will Commodore vor allem über den Preis den Markt aufrollen. Eine Konfiguration aus einem PC 128, einem Monitor und einem Diskettenlaufwerk, soll in USA unter 1000 Dollar kosten. In Deutschland will man den PC 128 ab Mitte des Jahres für zirka 1200 Mark verkaufen. Neben den beiden 128-Versionen zeigte man bei Commodore zwar auch den Plus 4, aber die meisten Messebesucher geben diesem Gerät nach der Vorstellung der 128-Serie keine große Chance mehr. Lediglich der C 16 dürfte vom Familienzuwachs unberührt bleiben und unbeirrt die Nachfolge des VC 20 antreten.
Neben diesen Modellen gab es zwar noch welche mit der gewohnten Konsolenform üblicher Heimcomputer, aber der Trend geht auch bei MSX weg vom »Nur«-Heimcomputer hin zum »Personal Computer« -zumindest optisch. Das bedeutet: Konsolen mit abgesetzter Tastatur. Dazu kommt das Edeldesign für die Integration in den HiFi-Turm.
Schlagzeilen im negativen Sinn machte Coleco. Zwei Tage vor Beginn der Messe ließ das Wallstreet Journal die Bombe platzen: Coleco stelle die Produktion des Adam ein und ziehe sich vorläufig aus dem Heimcomputer-Markt zurück. Die vorhandenen Bestände einschließlich aller Peripherie und Software übernehme ein Händler in Ohio. Ursache für den Ausstieg seien starke Verluste im vierten Quartal 1984 in Höhe von zirka 200 Millionen Mark. Auf der Messe dann eine zweite Überraschung: Einigen Großhändlern soll am übrigens recht großen -Messestand hinter verschlossenen Türen ein neuer Computer vorgeführt worden sein. Er sei weitgehend softwarekompatibel zum Apple He und IIc, besitze ein eingebautes Telefon und koste um die 500 Dollar. Allerdings sei er noch nicht ganz funktionsfähig gewesen. Journalisten war das Gerät nicht gezeigt worden. Nicht ganz so spektakulär ging es bei den Drucker-Herstellern zu, obwohl auch sie respektable Neuheiten vorstellen konnten. So zeigten Epson und Star gleich ganze Serien neuer Geräte. An den besonderen Bedürfnissen der Heimanwender orientiert sich der »Ho-mewriter« von Epson. Durch leicht austauschbare »Printer Interface Cartndges« kann er an den C 64, Atari 800 XL, IBM-PCjr und Apple IIc gleichermaßen leicht angepaßt werden. Er soll mit Friktionseinzug 269 Dollar kosten. Jedes Interface-Cartridge kostet allerdings zusätzlich 60 Dollar. Eine Version mit Centronics-Schnittstelle nennt sich LX-80 und kostet 349 Dollar. Der Drucker liefert 80 Zeichen pro Zeile bei einer Druckgeschwindigkeit von 100 Zeichen pro Sekunde (Normalschrift), beziehungsweise 16 Zeichen pro Sekunde (Schönschreibmodus). Seine Schriftarten (unter anderem elite und italic) lassen sich am Drucker selbst mit Tasten einstellen. Ein umständliches Verstellen von schwerzugänglichen DIP-Schaltern entfällt also. Als Zubehör sind ein Traktoraufsatz lieferbar (40 Dollar) und ein Einzelblatteinzug (100 Dollar). Ganz neu auf der Messe wurden bei Star die preiswerten Modelle SG-10 (299 Dollar), SG-15 (499 Dollar), SD-10 (449 Dollar), SD-IS (599 Dollar), SR-10 (649 Dollar) und SR-15 (799 Dollar) dem Publikum vorgeführt. Jedes dieser Modelle gibt es in der breiten Ausführung für DIN-A3-Papier und in der schmalen für DIN A4. Near Letter Quality gehört zur Standardausstattung. Die Drucker passen an Commodore-, Apple- und IBM-Computer. Die SG-Modelle drucken mit 120 Zeichen pro Sekunde Normalschrift oder 30 Zeichen pro Sekunde Schönschrift. Bei den SD-Modellen sind es 160 beziehungsweise 40 Zeichen pro Sekunde. Die SR-Modelle schließlich sind echte Sprinter. Sie drucken 200 Zeichen pro Sekunde (oder 50 Zeichen pro Sekunde im Schönschreibmodus.). Die 15-Modelle (Breitwagen) haben einen Pufferspeicher von 16 KByte fest eingebaut, während es bei den 10-Modellen 4 KByte sind.
Sehr kompakt präsentierte sich der »Hush 80«-Thermodrucker von Ergo Systems. Er kostet je nach Ausstattung zwischen 140 und 190 Dollar, arbeitet nach dem Thermo-Matrix-Prinzip und wird mit RS232-, Centronics- oder Commodore-Schnittstelle geliefert. Als Stromversorgung reichen Batterien. Druckgeschwindigkeit: 80 Zeichen pro Sekunde, bidirektional. Von Blue Chip stammte der Matrix-Drucker M120/10 mit 9x8-Nadelmatrix. Er bietet 120 Zeichen pro Sekunde und zwölf nationale Zeichensätze für 299 Dollar. Ã"hnlich wie für den Homewriter von Epson, gibt es für den M120/ 10 Interface-Karten zum einstecken. Damit paßt der Drucker an C 64, Atari, Apple Mac und IIc. sowie alle Computer mit Centronicsoder RS232-Schnittstellen. Jede Interface-Karte kostet 59 Dollar extra. Noch eine technische Besonderheit: Die Nadeln sind quadratisch geformt. Dadurch wirkt das Druckbild ungewöhnlich geschlossen.
Interessantester Vertreter dieser Spezies Drucker: Der Colour PenGraph EB 50 von Silver Reed. Er kostet 299 Dollar, besitzt eine Centronics-Schnittstelle, schreibt und zeichnet in vier Farben und kann mit einfachen Basic-Befehlen angesteuert werden. Außerdem kann man mit ihm rechnen wie mit einem Taschenrechner. Für Leute, die beim Tippen öfters Fehler machen, bietet er ein 16-Zeichen-Display und einen Eingabepuffer für eine Textzeile. Damit kann man Fehler korrigieren, noch bevor sie auf dem Papier erscheinen. In der nächsten Ausgabe werden wir uns noch mit der gezeigten Software befassen sowie einigen interessanten Randthemen der Messe. (Ig) Fünf Thesen zum MarktErste These: Von den Kleinen der Branche existiert in den USA praktisch keiner mehr am Markt. Übriggeblieben sind vier Giganten: Commodore, Atari, Apple und IBM. Die letzten beiden zogen es zwar vor, nicht selbst auf der Messe in Erscheinung zu treten. Dennoch waren ihre Maschinen an allen Software-Ständen präsent. Dem Anwender erwachsen aus dieser Verengung des Markts auf einige wenige Marken, auf lange Sicht schwerwiegende Nachteile. Bei dieser Konstellation haben kleine Firmen auch mit guten Ideen keine Chance mehr. Dadurch wird die technische Entwicklung gebremst. Zweite These: Der Showdown im Heimcomputer-Markt hat begonnen. Unter den beiden übriggebliebenen Computerfirmen mit Schwerpunkt Heimcomputer, Commodore und Atari, findet eine Schlacht statt, die für einen der beiden Duellanten die letzte sein könnte. Dritte These: Die Zeit illusionärer Euphorie bei den Hobby-Anwendern geht zu Ende. Das Wunderding Heimcomputer schrumpft zum alltäglichen Konsumartikel — und wächst gleichzeitig zum ernsthaften Werkzeug heran. Vierte These: Die Unterschiede zwischen Heim- und Business-Computern schwinden rapide. Das hat zum einen technische Gründe: Die leistungsfähigen 16-Bit-Prozessoren sind so billig geworden, daß sie auch in den neuen Heimgeräten eingesetzt werden können, Außerdem sind auch die Preise für Speicherbausteine in den Keller gerutscht. Zum anderen versucht jeder der großen Konzerne, sowohl im Business-Bereich (IBM und Apple), wie auch im Heimbereich (Commodore und Atari) im jeweils anderen Teil des Markts noch ein Kuchenstückchen zu ergattern. Fünfte These: Ganz auf der Linie der bisherigen Entwicklung tendiert der Standard bei den Heimcomputern also weiter nach oben. Bald kann man 128 KByte RAM-Kapazität als Standard betrachten. Wichtig dabei ist, daß zwar mit Verzögerung, aber unausweichlich die Software nachzieht. Es gibt bereits eine Reihe von Computerspielen, deren Programmcode über 64 KByte hinausgeht. Mit dem Commodore 128 und Atari 130 XE wurden in Las Vegas die letzten Hindernisse für eine solche Entwicklung beseitigt. (ig) |