Mit dem fliegenden Teppich auf Erfolgskurs

Die jüngsten Spiele von Activision, einer der erfolgreichsten Softwarefirmen der Welt, begeistern durch ihre mitreißende Musik. Rüssel Lieblich und Peter Kaminski, die Schöpfer von »Master of the Lamps«, erzählten uns, wie sie zu ihrem nicht gerade alltäglichen Job kamen.

Musik ist Trumpf bei Activisions neuen Hits »Web Dimension« und »Master of the Lamps«. Bei »Web Dimension« kann man sogar sagen, daß erst die Musik die Spannung ins Spiel bringt. Bei gewöhnlichen Actionspielen kämpft man sich bis zum bitteren Ende durch, um alle Bilder zu sehen, doch bei diesem Programm liegt der Reiz hauptsächlich in den fantastisch programmierten und arrangierten Melodien.

»Web Dimension« hat Rüssel Lieblich allein programmiert. »Master of the Lamps« entstand in Zusammenarbeit mit Peter Kaminski.


Russel (im Vordergrund) und Peter vor Ihrem »fliegenden Teppich« Spiel »Master of the Lamps«

Rüssel Lieblich, aufgewachsen in New York City, kommt aus der Musikbranche und spielt Piano und Saxophon. Seinen deutschklingenden Namen hat er von österreichischen Vorfahren. In Brooklyn besuchte er das College, später studierte er Musik und Physik an der Uni-versity of California in San Diego. Sein Studium schloß er mit dem »Masters-Degree« in Musik ab.

Die darauffolgenden Jahre verbrachte Rüssel in Los Angeles, wo er direkt an der Strandpromenade von Venice-Beach wohnte. »Ich schrieb Musik für diverse Leute, saß am Strand und surfte.«

Eines Tages gab es einen großen Musikerstreik in Los Angeles und Rüssel stand ohne Job da. »Ich kannte einen Typ, der bei Mattel als Programmierer arbeitete. Eines Tages ging sein Synthesizer kaputt und ich reparierte ihm das Gerät.« Bei dieser Gelegenheit erfuhr Rüssel, daß Mattel Spiele-Programmierer für das Intellivision-Telespiel suchte. Erst wußte er nicht so recht, was er von dieser Idee halten sollte: »Mattel, das war für mich der Erfinder der Barbie-Puppe, mehr aber nicht.«

Doch schließlich begann er in diesem Unternehmen ohne jede bisherige Computererfahrung: »Ich war erst der fünfte Mitarbeiter der Intellivision-Abteilung und der erste überhaupt, der sich speziell der Soundprogrammierung widmete. Später hatte Intellivision fast 200 Angestellte. Ich war also einer der ersten.«

Bei Mattel lernte Rüssel eine Menge über die Programmierung von Computern. Er arbeitete an den Soundeffekten für Intellivision-Programme wie »Nightstalker« und »Astrosmash«, kündigte jedoch nach einem halben Jahr: »Ich konnte den Chef nicht leiden.«

Im Herbst 1982 stellte Activision Programmierer mit Intellivision-Erfahrung ein, da man mit der Produktion von Software für dieses System begann. Rüssel bekam dort prompt einen Job. Zunächst blieb er noch in Los Angeles, erst später zog er nach San Francisco, North Beach, wo er heute noch wohnt. Rüssel würde nie ins »Silicon-Valley« ziehen: »Oh, mein Gott, nein, ich könnte dort nicht überleben!«

Peter Kaminski stammt aus dem Spielerparadies Reno in Nevada. 1978 sammelte er in der Highschool erste Erfahrungen in der Basic-Programmierung an einem Apple II-Computer. Nach dem Schulabschluß besuchte er das College, brach aber etwas später das Studium ab. Ursprünglich hatte er sich vorgenommen, ein Jahr zu arbeiten, mit dem verdienten Geld eine Reise nach Europa zu machen und schließlich wieder auf das College zu gehen.

In dem Jahr arbeitete er für eine Firma, die Software für das Intellivision-System im Auftrag von Mattel entwickelte. Als sich Peter nun entschlossen hatte, weiter in der Branche zu bleiben statt zurück aufs College zu gehen, stieß er, wie vor ihm schon Rüssel, auf die Activi-sion-Leute, mit ihrem Faible für Intellivision-Programmie-rer. »Glücklicherweise hatte ich schon einige Erfahrung in Maschinensprache auf dem Intellivision aufzuweisen und einige meiner Programme waren bereits auf dem Markt.« So startete er als Programmierer und arbeitete an seinem ersten Werk, der Intellivision-Ver-sion von »River-Raid«.

Programmierer wird vielleicht interessieren, daß Intellivision die 1610 als CPU besaß, einen der ersten 16-Bit-Prozessoren. Die Software für dieses Telespiel wurde auf einem speziellen Entwicklungssystem geschrieben. Etwas später kam die »große Wende« vom Telespiel zum Heimcomputer. Rüssel und Peter beschäftigten sich zunehmend mit der Programmierung des C 64.

Im April 1984 begann Rüssel mit »Web-Dimension«, während Peter sich an »Master of the Lamps« setzte. Das Grundkonzept zu diesem Spiel hatte Rüssel bereits erdacht und in einer Intellivi-sion-Fassung verwirklicht, die nie veröffentlicht wurde: Das Original — »Master of the Lamps« war für Intellivision. Ich habe noch das Cartridge, für 500000 Dollar kannst Du es haben«, scherzt Rüssel. Später machte Rüssel dann noch die Musik für »Master of the Lamps«.

Inzwischen sitzen Rüssel und Peter wieder in Activi-sions Entwicklungszentrum und arbeiten an neuen Spielen, diesmal aber »solo«. Rüssels neues Werk, das noch bessere Musik als »Web Dimension« haben soll, wird Anfang 1986 erscheinen.

Im Entwicklungszentrum von Activision, das nur für Programmierer zugänglich ist, besitzt jeder sein eigenes Büro; es gibt aber auch das »Central Lab«, wo man sich zum Erfahrungsaustausch trifft: »Es hilft wirklich sehr, wenn alle Programmierer beisammen sind und jeder seine Ideen zu der Arbeit des anderen beisteuert.« Peter ist fest davon überzeugt, daß sich in Zukunft einiges an der Arbeitsweise ändern wird: »In Zukunft wird es mehr Teamarbeit geben.«

(Frank Mathy/hl)

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