Exzentrische Freundin

Persönliche Meinung eines niemals verzweifelnden Amiga-Liebhabers

Denken Sie daran, sich einen Heimcomputer zu kaufen und liebäugeln Sie dabei mit dem Amiga? Dann empfehlen wir Ihnen, den Bericht über die Erlebnisse unseres Redakteurs Henrik Fisch mit seinem neuen Amiga zu lesen. Vielleicht ändern Sie Ihre Meinung noch, vielleicht kaufen Sie ihn aber gerade wegen seiner Eigenheiten.

Jetzt steht bei mir, dem eingeschworenen Atari-XL-Anhänger, zu Hause doch tatsächlich ein Amiga 500. Meine Freunde aus der Atari-Clique sehen darin ein Sakrileg, ja fast einen Akt des Verrats. Unerschrocken und im Hinterkopf die tollen Grafik- und Soundeigenschaften des Amiga bin ich jedoch in den Computerladen gegangen und kam um einige Hunderter leichter, dafür aber mit einem 500er bepackt wieder heraus.

Zu Hause angekommen, muß ich das Ding natürlich sofort ausprobieren. Amiga mit Netztrafo verbinden, Netztrafo mit Netz verbinden, Amiga einschalten. Einschalten? Wo ist der Netzschalter? Laut Handbuch hinten rechts am Computergehäuse. Nach kurzem Herumtasten finde ich an angegebener Stelle einen Knopf: den DiskettenAuswurf. Der Netzschalter ist am Netztrafo, und den habe ich platzsparend hinter dem Sofa verstaut. Nach einer Gymnastik Übung erwacht der Amiga mit schnurrendem Diskettenlaufwerk zum Leben.

Unfreiwillige Gymnastikübungen

Da ich keinen Farbmonitor besitze, borgte ich mir vorerst den Amiga-Fernseh-Modulator. Wenn der Atari XL am Sony Fernsehgerät über Antenneneingang ein besseres Bild bringt als so mancher Billig-Farbmonitor über Video- Eingang, wird der High Tech-Amiga diesem in nichts nachstehen. Der Sendersuchlauf findet ohne Probleme das Amiga-Bild: eine weiße Hand, die eine graue Amiga-Workbench--Diskette im Schneesturm festhält. Erst nach geduldigem Nachregeln des manuellen Sendersuchlaufs entlocke ich dem Sony ein Farbbild.

Allerdings mit einem hartnäckigen Grauschleier. Zudem bekommt der Modulator nach einer halben Stunde elektronischen Schluckauf: Er verliert immer wieder die Farbe.

Nach einer Stunde läßt sich auch mit sanftem Rückenklopfen nichts mehr machen. Der Bildschirm bleibt schwarzweiß. Ein Freund erklärt mir, daß der Modulator scheinbar zu warm wird, und rät mir, den Modulator offen zu betreiben. Und tatsächlich: Es klappt. Ein leichter Schneeregen ist zwar immer noch zu sehen, aber was will man von einem Computer, der mit Modulator rund einen Tausender kostet, schon erwarten?

Am nächsten Tag kaufe ich mir einen Commodore-1084-Farbmonitor. Eine durchärgerte Nacht mit dem Modulator reicht mir. Nicht nur, daß das beige Kästchen von Modulator 10 Zentimeter vom Computer abstand und damit bei jedem Verrücken des Computers sämtliche Stifte und andere Schreibtisch-Utensilien durcheinander wirbelte. Nein, es rutschte auch ständig der Amiga-Buchse. Beim erneuten Einstecken glaubte der Amiga, ich hätte ihn gerade eingeschaltet, und lädt von der Diskette erneut die Workbench.

Doch jetzt steht vor mir der neue Monitor. Am 1084 kann ich neben dem Amiga auch den Atari XL betreiben. Zwei weitere Kabel lagen dem Monitor bei, eins für den Anschluß an einen PC und eins für den C 64. Nur das Kabel, auf das es mit ankommt, macht Ärger. Mir ist unverständlich, wie ein Kabel, in dem theoretisch nur sechs Adern des RGB Anschlusses liegen, so unflexibel sein kann. Dadurch rutscht der SCART Stecker bei jedem Verrücken des Amiga aus der Buchse am Monitor, so daß das Bild die laufende Panik bekommt oder sich nur beleidigt einfarbig zeigt. Trotz dieser Probleme verträgt sich der Amiga mit dem 1084 besser als mit dem Fernseh-Modulator. Fordernd zeigte mir die Hand die blaustrahlende Workbench-Diskette.

Nachdem ich die Diskette einlege, verschwindet beruhigenderweise die Hand. Dafür fing das Laufwerk ganz fürchterlich an zu rattern. Solche Geräusche war ich bisher nur von Computern beim Formatieren einer Diskette gewohnt. Verständlicherweise beruhigt mich das Verhalten des Diskettenlaufwerks wiederum gar nicht. Nach 30sekündigem gebannten Laden erschien dann die vielgerühmte Intuition-Benutzeroberfläche.

Sechs Diskettenwechsel zur Kopie

Mit meiner ersten Amtshandlung ollte ich die Workbench-Diskette kopieren, auf daß ich nur noch die Kopie verwende und das Original sicher verwahre. Laut Handbuch soll man das Symbol der zu kopierenden Diskette mit dem Mauszeiger auf die Kopie legen. Nur war ein Symbol für die Kopie nirgends zu sehen. Zwar war da ein Symbol für die RAM-Disk, in die ich vorerst den Disketteninhalt kopieren könnte. Mit rund 300 freien KByte dürfte ich wohl kaum die gesamte Diskette kopieren können. Nach einigem Probieren kam ich dann dahinter, daß ich erst die noch leere Diskette für die Kopie einlegen muß. Diese erscheint nach kurzer Zeit unter »DF1:BAD«. Jetzt nehme man das Workbench-Symbol, lege es auf BAD und schon ist, nach sechsmaligem Diskettenwechsel, die Kopie fertig. Hätte ich das Handbuch gewälzt, wüßte ich, daß ich mit der rechten Maustaste im Workbench-Pull-Down-Menü auch den Punkt »Duplicate« hätte anklicken können. Handbücher sind anscheinend auch bei einer Benutzeroberfläche nötig, bei der man, laut Commodore, intuitiv arbeiten kann.

Mein nächstes Erlebnis mit dem Amiga läßt in mir langsam leise Zweifel entstehen, ob ich nicht den falschen Computer gekauft habe. Die Kopie der Workbench trägt den Namen »Copy of A500 WB 1.2 D«. Ich will das in »A500 WB 1.2 D« umbenennen. Dazu wähle ich mit dem Mauszeiger im Disk-Menü die Funktion »Rename«. Es erscheint eine Zeile, in die der Name eingetragen wird. Mit < RETURN > beende ich die Eingabe. Ein Blick auf die »Drive«-Leuchte verrät mir, daß das Laufwerk still steht, also ziehe ich die Diskette heraus. In dem Moment springt das Laufwerk an. Der Amiga, seiner Diskette , beraubt, meckert sofort los - er will seine Diskette wiederhaben. Bereitwillig lege ich sie ins Laufwerk, worauf der Computer mit unschuldigem Fenster die belanglose Meldung ausgibt: »Disk Structure Corrupted, use Disk Doctor.« Was erwartet die Kiste von mir? Ich habe den Amiga jetzt zwei Tage im Betrieb. Woher soll ich wissen, wie man den »Disk Doctor« benutzt? Und wo finde ich den überhaupt?

Ich wühle mich also mit wundgeklicktem Finger durch sämtliche Workbench-Programme und Unterverzeichnisse. Vom Disk-Doctor keine Spur. Gibt es denn beim Amiga keine direkte Eingabe mit der Tastatur? Die gibt es: In Form eines ExtraProgramms. Ich finde die Beschreibung des CLI nach mehreren Minuten Suche im Handbuch. Mit Hilfe des CLI finde ich auch den Disk-Doctor in einem » c« bezeichneten Unterverzeichnis. Keine Ahnung, warum dieses Verzeichnis nicht auf der Workbench erscheint. Aus dem Handbuch erfahre ich nach weiteren Nachforschungen, daß jedes Programm und Unterverzeichnis ein individuelles Bildchen auf der Workbench hat. Das Bild muß als eine » .info« genannte Datei auf der Diskette sein. Fehlt das Bild für ein Programm oder Unterverzeichnis, erscheint auch nichts auf der Workbench. Obwohl das Programm auf der Diskette ist, kann man es auf der Workbench nicht anklicken. Langsam erahne ich die tiefere Bedeutung des von den AmigaKonstrukteuren gewählten Namen für die Amiga-Benutzeroberfläche. »Intuition« (sprich: Intuischen) heißt »Eingebung«. Es ist erfreulich, daß Commodore mit dem Betriebssystem hellseherische Fähigkeiten von Heimcomputer-Besitzern schulen will. Wie dem auch sei, fast hätte ich Commodore eine nette Firma sein lassen, und den Amiga aus dem Fenster geworfen.

Hellsehen mit Intuition

Nur meine inzwischen durch den Monitor auf rund 1600 Mark angewachsenen Ausgaben hielten mich von diesem Schritt ab. Zudem hatte ich das Basic noch nicht ausprobiert. Auf der zweiten Diskette finde ich das AmigaBasic. Mein nächster Handgriff gilt dem Basic-Handbuch, denn vor meiner ersten Programmzeile muß ich wissen, wie man den Interpreter bedient. Die nächste Stunde verbringe ich mit lesen und staunen. Ich glaube, dieses Basic ist eines der komplexesten, das es für Heimcomputer gibt. Während meiner Lektüre reifen in mir Ideen über Programmierprojekte in Amiga-Basic. Ich lege das Buch griffbereit beiseite und widme mich wieder dem Computer. Doch was ist das? Nach der ersten eingetippten Zeile spielt der Computer verrückt, zeigt einen weißen Bildschirm, und fordert mich erneut auf, die Workbench einzulegen. Als hätte ich ihn gerade eingeschaltet. Alles bisher Eingetippte war damit wieder zum Teufel. Allerdings bin ich selbst schuld. Welche Freundin bleibt schon gerne unbeachtet eine Stunde in der Ecke sitzen? Dem Amiga gefiel mein Verhalten anscheinend auch nicht.

Eine letzte Chance, mein Geld nicht aus dem Fenster geschmissen zu haben, sehe ich in den vielgerühmten Grafik und Soundfähigkeiten des Amiga. Ich kaufe »DeluxePaint II« und »Sonix«, die ich beide schon in Aktion gesehen habe und bin begeistert. Es bringt einfach irren Spaß, mit 32 Farben gleichzeitig auf dem Bildschirm herumzumalen. Zudem gibt es derart viele hilfreiche Funktionen, daß eigentlich kein Bild mißlingen kann.

Ähnlich beeindruckt bin ich von Sonix, spiele ich doch seit einigen Jahren Synthesizer und suche ständig eine Begleitung. Haben Sie den Amiga schon einmal über eine Stereo-Anlage gehört? Wenn nicht, holen Sie es schleunigst nach, es lohnt sich.

Leider gibt es für den Amiga noch nicht die Anzahl an Spielen, die es für andere Computer wie C 64 oder Atari ST gibt. Dennoch hoffe ich, daß Softwarehersteller die Grafik und Soundeigenschaften des Amiga nutzen. Ich wage gar nicht an die Spiele zu denken, die bei konsequenter Ausnutzung der Hardware möglich sind.

Spielmaschine oder Supercomputer?

Trotzdem beschleicht mich ein unangenehmes Gefühl, habe ich doch 1600 Mark für einen Spielcomputer ausgegeben. Denn für Textverarbeitung oder andere ernste Anwendungen nehme ich doch lieber einen anderen Computer mit besserer Bildschirmdarstellung. Zudem gibt es für meinen Geschmack beim Amiga zu viele unbegründete Abstürze, als daß ich dem Computer wichtige Informationen anvertraue. Wenn Commodore nicht so viele Fehler beim Amiga zugelassen hätte, wäre er sicher der Standard der neuen Computergeneration geworden. So ist er für mich das, wofür er von den Amiga-Entwicklern ursprünglich gedacht war; eine tolle Spielemaschine und kein Supercomputer.
Henrik Fisch



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