London im Nebel: Eindrücke einer Computer-Messe

Verloren in einem verwirrenden Labyrinth von Gängen und Ständen, benebelt vom Klebstoff-gestank frisch errichteter Stände und den Nachwirkungen abendlicher Pressepartys, dies kann nur die Personal Computer Show in London sein - und sie war es auch.

Panem et circensis - nach der Abfütterung der anwesenden Journalisten durch diverse Partys in den besten Londoner Hotels, waren Spiele angesagt.

Wie immer waren sie leicht zu finden: Die Stände der “Unterhaltungssoftwareanbieter” waren ungefähr so bevölkert wie Mallorca im Juli, was bei zahlreichen der repräsentierenden Damen wohl zu Mißverständnissen auf der Bekleidungsebene führte.

Die Aussteller hatten wie immer eine klare Vorstellung von ihrem Publikum und wie man es mit aufwendiger Technik, hervorragender Präsentation und der lautesten Musik betäubt. Die PCW ist bekannt für verrückte Stunts, als Kleidung fehlinterpretierte Verpackungskunst und das Herumschütteln unvorsichtiger Besucher in Hubschraubersimulatoren. Wenn Sie sich für “Action”, Gedränge und Herzstillstand interessieren, sind Sie bei der PCW genau richtig.

Jahr für Jahr bauen die Hauptakteure in diesem großen Spiel riesige Stände, um sich und den Betrachtern zu beweisen, daß es ihnen besser geht als allen anderen. Das Resultat ist ein beeindruckendes Spektakel, das den Besucher richtiggehend anspringt, kaum daß er die Halle betritt. Benebelt von der Geräuschkulisse und den strengen Düften frischen Klebstoffs -die Standbauer sind erst morgens um fünf fertig geworden -wankt er dann dahin, ein willfähriges Opfer elektronischer Illusionen.

Reizende Aussichten

Natürlich gibt es auch noch andere Attraktionen bei der PCW. Auf der mehr menschlichen Ebene ist diese Ausstellung überfrachtet mit entzückenden Mädels, die alle Arten von Dingen offerieren - werfen wir also einen Blick auf dieses reizende Angebot:

Neben dem Herumgeschüttelt werden im Simulator von Microprose (14 Sitze, inklusive der Garantie, es sei wirklich “scary”) und dem Angebot von Epyx ein “echtes Kawasaki Motorrad” zu gewinnen, gibt es stets Hunderte von kostenlosen Buttons (originelle Inschriften wie: I lovef(x) mit x=jede beliebige Softwarefirma), T-Shirts (mit jenen originellen Inschriften) und jede Menge Poster - von den neuen Spielen oder einfach dem Firmenlogo vonf(x) (...).

Natürlich kann man diese Show nicht besuchen, ohne so ungefähr jede Spielidee zu sehen, die jemals für acht, sechzehn oder zweiunddreißig Bit entwickelt wurde - und dies gleich mehrmals. Das beliebteste Spiel war zweifellos “Show Special”. Wo es angeboten wurde, standen die Menschen Schlange - und es wurde überall angeboten. In der Tat kann man bei einer Messe so viel sparen, daß man davon locker seinen Lebensunterhalt bestreiten könnte.

Brot...

Während das findige Reporterauge nach Attraktionen Ausschau hält, kriecht (ich verlasse gerade eine Präsentation, da tritt mir so ein besoffenes Schw... auf die Hände) und schiebt sich sein Besitzer in der Menschenmasse vorwärts zur “Pep-si Challenge”. Dort gilt es den Geschmackstest zu bestehen -aus neutralen Bechern wird Pepsi und Coke geschlürft (Geschmacksrichtung: Plastik, Jahrgang 88). Irgendwann vor Weihnachten soll dann das Ergebnis (in Zusammenarbeit mit US Gold) der staunenden Öffentlichkeit präsentiert werden. Erste Hochrechnungen ergaben dann auch, daß fast 61% aller Computerabhängigen Pepsi vergleichbaren Substanzen wie Korrosionsschutzlösung vorziehen. Daß dieses Urteil davon beeinflußt sein könnte, daß es für die richtigen Antworten “...fabulous free prizes...” gibt, ist kaum vorstellbar.

...und Spiele

Ein weiterer Hauptakteur der Szene ist Ocean. Dort hat man bereits in der Vergangenheit so erfolgreiche Antikriegsspiele wie Platoon (als einziges Programm bereits vor seinem Erscheinen in Deutschland indiziert) veröffentlicht. Die Neuankündigungen setzen diesen gewinnträchtigen Trend fort. Demnächst erscheint Rambo III auf den heimischen Monitoren (eine herzzerreißende Satire auf intellekt- und niveaulose Gewaltfilme wie “Goodmorning Vietnam”). Aber Vorsicht, Ocean! Grandslam, berüchtigt durch “Hunt for Red October”, hat bereits angekündigt, durch weitere Produkte aktiv an der Befriedung des Bildschirms teilzunehmen. Sie werden leider nicht die Einzigen bleiben.

Und wer schon immer einmal so richtig für einen Augenblick berühmt sein wollte und auch diesmal wieder nicht in der KICKSTART abgebildet ist, der hat in London gefehlt. Dabei sagt doch schon Lafunze, der alte chinesische Philantroph: “...dabei sein ist alles..." (wie sollte man sonst auch an all die kostenlosen Poster, Buttons, T-Shirts, Magazine und Drinks kommen). Wenn Ihnen also diese “close encounter of the special kind” noch fehlt, auch nächstes Jahr wird über Earls Court wieder das jüngste Gericht hereinbrechen - schauen Sie doch mal rein.
Claus Peter Lippert



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