Editorial - Wo bleiben die Transputer?

Mein Friseur hat aufgeschlagen. Doch das interessiert Sie sicher nur am Rande.

Aber es brennen uns auch noch andere Probleme unter den Nägeln1, die wir leider an dieser Stelle nicht behandeln können.

So wollen wir uns hier und heute nicht schon wieder am klassischen Sprachstreit über das Edierproblem beteiligen, obschon ein vergrätzter Leser der Redaktion dräute, unser geliebtes Blatt nicht mehr zu kaufen oder gar zu lesen, wenn die Redaktion nicht endlich bereit wäre, das Wort edieren (lat. edere) falsch zu schreiben, was wir aber im Hinblick darauf, daß wir dann auch agitieren, wenn wir agieren meinen, sagen müßten, ablehnen.

Man hat Gewalt, so hat man Recht!
(Faust II, Goethe)

Und Sie haben immer noch keinen vollelektronischen Turnschuh (oder besser deren zwei) mit hinterleuchteter 4*25-Zeichen-Plasmaanzeige für Laufrhythmus, Pulsfrequenz, Körpertemperatur und Achselnässe sowie dreistimmigem Signalton beim Überschreiten Ihrer charakteristischen Fußschweißentwicklung, nicht zu vergessen den 5-Watt-Halogen-kniestrahler für Nachtbetrieb? Läßt sich Ihre Kaffeemaschine online schalten? Sind Sie sicher?

Wir auch nicht, aber über solche Blüten würden wir wohl gerne in einem anderen Artikel lächeln. Lassen wir das also.

Prometheus brachte uns das Feuer,
Pandora den Aschenbecher.
(Unbekannter Dichter und Denker, um 1650)

Und wiewohl es uns über alle Maßen anficht, daß unser liebes Teutsch gar garstig Gewalt erfahren muß und wir uns nur noch kärglich am vertrauten Sprachschatz letzen können, nein, stattdessen von Usern2 lesen müssen, die nichts anderes wissen, als Windows über Screens (und ihre Computer über den Tisch, Verzeihung: Tisch) zu ziehen: Wir ermangeln des Platzes und der Zeit, unser Darben ob der ungezählten Anglizismen in der einschlägigen (sic!) Fachliteratur zu schildern; im übrigen steht es uns gar nicht zu, solcherlei Schelte zu äußern -ertappen wir uns doch selbst hie und da beim lätscherten Sprachstyling.

Kühle Stühle in der Schwüle fühlen sich kalt an.
(Unbekannt verzogen)

Aus diesem unseren Grunde rührt es uns auch nicht so sehr an, daß wir immer wieder “der Virus” lesen müssen (wie es der Duden inzwischen Millionen von Fliegen erlaubt), obwohl nach allem Menschenverstand das Neutrum die quälende Wahl für sich entscheiden muß.

Aber dieser Sprachvirus hat sich auch schon in diese Redaktion eingeschlichen, wenn auch seltener als anderswo.

Man lernt ständig aus.

Gegen Windkraftwerke zu Felde zu ziehen, stünde uns gleichwenig gut zu Gesicht: Immer wieder eräugnet es sich, daß Menschen jeder Hautfarbe, jeder Glaubenskongregation, jedweden Geschlechtes und jeder Schuhgröße zu uns kommen, in der Hoffnung, daß ihnen, die da kommen, Klarheit zuteil werde über die immerwährende confusio compatibile, wes Rechnerfabrikat zu wählen ihnen bestimmet sei. Meint man, sie hätten sodann ihre Meinung gegen die unsrige ausgetauscht, wenden sie sich sogleich hinter unser aller Rücken wider den Beschluß, den Paradiesvögeln der Omis ein begehrend Auge zuzuwerfen, statt der Massentierhaltung Marke Big Flu den Zuschlag zu geben - und schon steht der Klon auf dem Tisch (“Ja, da kann man so schön Texte eingeben. Und kompabeatle bin ich dann auch noch.”). Es bricht uns das Herz.

Chianti in flagranti, Martini im Bikini, Cola aus der Dose.

Allein, wie schon gesagt: Das soll uns heute alles nicht beschäftigen.

Nein, nein, nein, eigentlich geht es uns heute um etwas ganz anderes: [wegen Überlänge gekürzt]

Claus Brod

'Metapher!

2User, der: (engl.) jmd., der Drogen nimmt (zitiert nach Duden 1986, 10. Auflage)



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