PD-TeX 3.1 auf der Überholspur

Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, daß TeX das System zum hochwertigen Satz von Texten ist, und die in der ST Computer 10/89 vorgestellte PD-TeX-Version hat schon eine beachtliche Verbreitung gefunden. Mit der neuen Version geht der Spaß jetzt aber erst richtig los. Diese Version ersetzt die alte auf den PD-Disks 250 bis 254 und 276 bis 278 komplett.

TeX ist anders als andere Kinder. TeX (sprich Tech, für griechisch Tau, Epsilon, Chi) ist keine gewöhnliche Textverarbeitung. Das von Donald E. Knuth geschriebene TeX wurde konsequent auf ein optimales Ausgabeergebnis hin entwickelt. Wenn Sie einmal eine mit TeX gesetzte Diplomarbeit mit einer von einer gewöhnlichen Textverarbeitung gesetzten verglichen haben, wissen Sie, was ich meine.

Die Kernstücke des TeX-Systems sind weitestgehend rechner- und druckerunabhängig. TeX Versionen gibt es inzwischen auf praktisch allen Rechnern vom PC an aufwärts. Dies bedeutet, daß TeX-Benutzer bei einem eventuellen Rechnerwechsel ihre Texte gleich weiterbenutzen können. Auch auf zukünftigen Rechnergenerationen wird es mit Sicherheit TeX-Versionen geben.

Die Rechnerunabhängigkeit legt dem System aber auch gewisse Beschränkungen auf. TeX ist kein WYSIWYG-System (what you see is what you get), sondern arbeitet mit einer Kommandosprache, die, ähnlich wie eine Programmiersprache, erst erlernt werden will. Dadurch kann TeX auch von einem normalen Text-Terminal ohne Grafikfähigkeiten gesteuert werden. Auf dem Atari ST nutzt das PD-TeX die vorhandenen Grafikmöglichkeiten aber natürlich aus.

Bild 1: Eingabe der Sonderzeichen in TEMPUS

Bild 2: Automatische Installation per Knopfdruck

TeX selber ist auch von den Ausgabegeräten unabhängig. Für Drucker oder Bildschirm braucht man daher jeweils einen passenden Treiber, der das Ergebnis auf dem entsprechenden Gerät ausgibt. Die Zeichensätze (Fonts), die TeX benutzt, werden alle mit dem zugehörigen MetaFont erzeugt: falls der Drucker selber intern Zeichensätze hat (soll's ja geben), so werden diese einfach ignoriert.

Hat man einen Zeichensatz also einmal im MetaFont-Format vorliegen. so hat man diesen mittels MetaFont auch gleich für alle nur denkbaren Ausgabegeräte. Infolgedessen kommt das Schriftstück auch auf jedem Ausgabegerät im wesentlichen (d. h. soweit die Druckqualität des Druckers das zuläßt) gleich heraus. Lediglich die Qualität des Druckers begrenzt dann noch die Schönheit des Ausdrucks.

Doch nun genug der Vorrede; weitere Informationen zu TeX finden Sie in der angegebenen Literatur. Jetzt will ich sie Ihnen nicht länger verheimlichen, die

Neuerungen

Als TeX vor etwa 10 Jahren entwickelt wurde, wurde das zunächst vom amerikanischen Standpunkt aus getan. Ab der Version 3.0 hat Donald E. Knuth einige Neuerungen eingebaut, die uns Europäern das Leben doch sehr erleichtern. So ist jetzt die Direkteingabe von 8-Bit-Zeichen (Umlaute, usw.) möglich, bei mehrsprachigen Texten kann TeX zwischen den Trennregeln umschalten. Es können also in einem Satz z. B. deutsche Wörter nach deutschen, und englische Wörter nach englischen Regeln getrennt werden.

Die TeX Users Group (TUG) hat außerdem eine TeX-interne Codierung der Umlaute und Sonderzeichen festgelegt. In Bild 1 sehen Sie, welche Zeichen Sie damit direkt eingeben können (hier im Beispiel via TEMPUS). Die Tabelle zeigt nicht den Cork-Code, sondern den Eingabecode auf dem Atari für das PD-TeX 3.1. Man sieht insbesondere, daß alle Standardumlaute mit ihrem normalen Atari-Code eingegeben werden können. Weitere Sonderzeichen, wie Integrale, Wurzeln usw. werden dann über TeX Kommandos angesprochen.

Die Version 3.1//2.1cs (sprich TeX 3.1 in der Atari-Version 2.1cs) läuft außerdem etwa doppelt (in Worten: zweimal) so schnell wie die Version 2.98//1.4cs. Dies wurde im wesentlichen durch einen Compiler-Wechsel von CCD Pascal nach GNU C erreicht. Auch MetaFont ist durch den Wechsel etwa doppelt so schnell wie bisher. Die Zeit zum Erzeugen des CMRIO-Fonts auf einem normalen ST liegt unter 10 Minuten. Mit Beschleunigerkarten oder TT geht’s entsprechend schneller. Das PD-TeX ist jetzt eine der schnellsten TeX-Versionen für den ST und braucht keinen Vergleich zu scheuen. Das komplette neue TeX-System läuft selbstverständlich auch mit TTs, 68030-Karten. 16-MHz-Karten, Großbildschirmen usw.

Die Druckertreiber, jetzt mit dem neuen LatticeC 5.06 entwickelt, wurden durch interne Verbesserungen erheblich schneller. In den Treibern wurden auch einige kleine Fehler entdeckt und behoben. Viele neue Funktionen und etliche ganz neue Treiber kamen hinzu. Neu sind z.B. die Unterstützung der Lindner-TeX-Grafik sowie das Einbinden von Post-Script-Bildern beim PostScript-Treiber.

Die mitgelieferten Styles entsprechen nun dem internationalen Standard. Sagt man in LaTeX \documentstyle{german}{article}, so kommen die Überschriften auch tatsächlich in deutsch heraus.

Weil die Makro-Pakete für TeX immer mehr wachsen, stößt man nun leichter an die Grenzen des Systems (TeX capacity exceeded, sorry). Um dem zu begegnen, sind nun gleich zwei vergrößerte Versionen dabei: Large TeX kann von BenutzerInnen mit mindestens 2 MB Speicherausbau, Huge TeX ab 4 MB Speicherausbau benutzt werden. Das dürfte dann für alle Anwendungen ausreichend sein.

Bild 3: Die Menüs der CTEX-Shell

Beständigkeit

Einer der Gründe für die Beliebtheit von TeX ist hohe Standardisierung des Systems. Texte lassen sich problemlos von einem Rechner auf den anderen portieren. Entsprechend ist es auch mit der Aufwärtskompatibilität: Wer schon längere Texte (Diplomarbeit usw.) mit einer alten Version entwickelt hat, kann diese einfach mit der neuen weiterbearbeiten. Es wurde darauf geachtet, daß die neue Version in diesem Fall das gleiche Ergebnis wie die alte produziert.

Die TeX-Version 3.1 ist gleichzeitig - von D. E. Knuths Standpunkt aus gesehen - eine der letzten Versionen von TeX. Es wird in Zukunft wohl nur noch kleinere Fehlerkorrekturen geben. Eine Version 3.2 ist nicht vorgesehen. Zukünftige Versionen werden 3.14. 3.141. 3.1415, usw. heißen. Ähnliches gilt für MetaFont: Nach der aktuellen Version 2.7 kommen 2.71,2.718. 2.7182 usw.

Man kann sich trefflich darüber streiten, ob ein sich schnell entwickelndes, aber immer wieder mit neuen Fehlern behaftetes, oder ein stabiles, aber weitgehend fehlerfreies System besser ist. Bei TeX wurde diese Entscheidung zugunsten der Stabilität getroffen.

Installation

Um es gleich vorweg zu sagen: Für TeX brauchen Sie eine Festplatte. Die alte Version enthielt noch Hinweise für die Benutzung mit zwei Diskettenlaufwerken; es hat sich jedoch herausgestellt, daß damit kein vernünftiges Arbeiten möglich ist. Am besten legt man für TeX eine eigene Partition von 10-15 MB an.

Die komplizierte Installationsprozedur war einer der am häufigsten bemängelten Punkte am alten TeX-System. In der neuen Version wird ein komfortables Installationsprogramm mitgeliefert. Man drückt für jede der Disketten nur noch einmal auf Install, und schon ist das System installiert (siehe Bild 2). Das System wird normalerweise komplett auf einer einzigen Partition eingerichtet. Bei Platzmangel kann MetaFont aber auch auf einer anderen Partition als der Rest installiert werden.

Das TeX-System ist komplett und in sich abgeschlossen. Sogar ein kleiner Editor wird mitgeliefert. Die insgesamt 8 Disketten sind gut gepackt; einige sind randvoll. Die Anzahl der mitgelieferten Fonts ist allerdings nicht allzu groß. Die Beispieltexte können Sie damit wohl ansehen und teilweise auch ausdrucken. Für das Arbeiten mit TeX müssen Sie jedoch einmal für jeden Drucker die nötigen Fonts komplett mit MetaFont erzeugen. Aber keine Panik: Lassen Sie Ihren ST einmal über Nacht rechnen, und schon haben Sie die Fonts beisammen. Die neue C_MF-Shell für MetaFont macht Ihnen das alles sehr bequem.

Wenn die alte TeX-Version nicht zum Laufen gebracht werden konnte, lag das meist an einer (versehentlich oder mutwillig vorgenommenen) falschen Installation. Durch die automatische Installation werden Fehler jetzt direkt an der Quelle vermieden.

TeX wird komplett über die GEM-Shell CTEX gesteuert (siehe Bild 3). In der neuen Version sind neben der Unterstützung für neue Systemteile (BibTeX und Make Index werden jetzt mitgeliefert) auch Tastaturkürze) für alle wichtigen Funktionen hinzugekommen. Benutzt man einen NEC P6, sind außerdem die Parameter der GEM-Shell richtig voreingestellt. Bei Benutzung anderer Drucker muß man noch unter Finden und Parameter den Drucker einstellen.

Jetzt kann man sofort das LATEXG-Format erzeugen und das Beispiel DEMO.TEX ausprobieren.

Bild 4: Überblick über den Aufbau der Seite mittels Zoom...
Bild 4a: ...und als Postscriptausgabe auf Laserdrucker.
Bild 5: Grafik in TeX

Vielfalt

Der neue Bildschirmtreiber bietet einige Leckerbissen. Er funktioniert nun auf allen Bildschirmen, die GEM-Unterstützung bieten, also auch auf OVERSCAN, Großbildschirmen, MGE, TT usw. sowohl in Farbe als auch in schwarzweiß. Er funktioniert also praktisch immer und überall.

Gelegentlich möchte man sich vielleicht einen Überblick über den Aufbau der gesamten Seite verschaffen. Dafür gibt es nun die Verkleinerung mittels Zoom-Funktion. die dies schnell (d. h. in drei Sekunden) erledigt (siehe BiId 4). Anders herum ist es auch möglich, den Bildschirm mit Drucker-Fonts zu benutzen und so effektiv eine Vergrößerung des Bildes zu erreichen. Dazu muß man lediglich eine kleine Zusatzoption (wie -v=!80) angeben.

Bei den Druckertreibern ist einiges hinzugekommen. So existieren jetzt Druckertreiber für 9-Nadler. alle gängigen 24-Nadler (der Firmware-Fehler in den Star-Druckern stört nicht mehr). Tintenstrahldrucker Canon BJ 130 und HP DeskJet sowie für Laserdrucker HP LaserJet und Atari Laser. Last not least ist ein PostScript-Treiber vorhanden.

Besonders der HP DeskJet erfreut sich - als DeskJet plus oder DeskJet 500 in jüngster Zeit zunehmender Beliebtheit. Er schont das Ohr und bietet fast Laser-Qualität.

Der LaserJet-Treiber ist sehr schnell geworden. Solange man keine großen Grafiken einbindet, ist er fast so schnell wie der Treiber für den Atari Laser. Die Ausgabedateien beim Drucken auf Diskette bleiben recht klein.

Für das ultimative Ergebnis kann man mittels PostScript bei Bedarf eine Satzanlage ansteuern. Die LinoType-Anlagen bieten beispielsweise schon bei 635 dpi ein hervorragendes Bild. (Die Belichtung auf einer solchen Anlage ist allerdings nicht ganz billig; rechnen Sie mit einer Größenordnung von 10 DM pro Seite.)

Wem etwas weniger genügt, und wer z. B. an der Arbeitsstelle oder Uni Zugang zu einem Laser- oder anderen Drucker hat. kann auch diesen nutzen. Zu diesem Zweck können die Druckertreiber alle auf Disk drucken. Das Ergebnis kann man dann auf eine 3.5-Zoll PC-Diskette kopieren und an die entsprechende Stelle tragen.

Features

Das Atari PD-TeX hat viele Eigenschaften, auf die andere TeX-Versionen neidisch sein können. Wie Experten schon lange erkannt haben, stecken in den Grafikfähigkeiten enorme Möglichkeiten. Im Prinzip kann das TeX alles, was Sie auch mit einem Plotter machen können - und noch mehr.

Einen kleinen Eindruck der Leistungsfähigkeit vermittelt Bild 5. Dieses Bild wurde mit dem Public Domain-ZPCAD (ST-PD 298,299) erstellt, in TeX eingebunden und mit den normalen TeX-Treibern ausgedruckt.

Zu erwähnen wäre vielleicht auch noch, daß die Druckertreiber bei fehlenden Fonts eine Liste der benötigten Fonts erstellen können, die dann mit C_MF gleich zu deren Erzeugung weiterverarbeitet werden kann. Dadurch gestaltet sich das Verfahren bei fehlenden Fonts sehr einfach. Wer mit TeX vielleicht nur ein paar Formeln setzen möchte, um diese nachher in ein Grafikprogramm einzubinden, findet einen Treiber. der nicht auf einen Drucker, sondern in ein GEM-Image-Bild druckt’. Diese Bilder lassen sich dann ganz normal mit anderen Programmen weiterverarbeiten.

Wie Sie sehen, wurde an vieles gedacht, was Ihnen das Leben angenehm macht. Natürlich gibt es kein völlig perfektes System, aber das Atari PD-TeX ist, wenigstens meiner Meinung nach, schon gar nicht übel.

Ausblick

Das Atari-PD-TeX ist in seiner neuen Version eine runde Sache. Das heißt nicht, daß cs nichts mehr zu verbessern gäbe, aber zunächst sind Sie jetzt einmal an der Reihe. Sammeln oder entwickeln Sie Makro-Pakete, schreiben Sie Grafikprogramme. die mit TeX arbeiten. oder erfreuen Sie sich einfach an den Möglichkeiten, die TeX Ihnen bietet.

Der Einstieg in TeX ist zwar bestimmt nicht so einfach wie der in eine normale Textverarbeitung, aber seien Sie versichert: Wer TeX einmal richtig verstanden hat. will nichts anderes mehr anfassen.

Literatur

ST Computer 5/89, Seite 148-154: TeX. der stille Superstar.

ST Computer 12/89. Seite 167-173: Public Domain TeX. Satzsystem zum Nulltarif.

Donald E. Knuth: The TeXbook. Computers & Typesetting Volume A. Addison Wesley, 1990.

Helmut Kopka: LxiTeX - Eine Einführung. Addison Wesley, 1988.

Helmut Kopka: LaTeX-Erweiterungsmöglichkeiten. Addison Wesley. 1990.

TeX 3.1
ST-PD 290-297



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