SciGraph 2.0 - The next Generation

Benötigt man Präsentationsgrafiken nicht nur für betriebsinterne Präsentationen, sondern in erster Linie für Kunden mit professionellen Ansprüchen, die als Ergebnis hochwertige Druckfilme in den Händen halten möchten, so gibt es zu Programmen, die Vektorgrarken erzeugen, keine Alternative. Im Gegensatz zu anderen Programmen, die ausschließlich Pixel-Grafiken generieren, war schon die erste Version von SciGraph dafür vorgesehen, Grafiken ausschließlich im heißbegehrten Vektorformat zu speichern, wodurch eine professionelle Ausgabe der Grafiken über Satzbelichter möglich war. Die gelungene Verbindung von `Chart-Machine' und Vektorgrafik-Editor machte das Arbeiten mit diesem Programm im vergangenen Jahr zu einer (fast) ungetrübten Freude.

Im Laufe der Zeit jedoch wurden die Anwender (und Programmierer) anspruchsvoller. Schon bald reichten die Funktionen in bestimmten Bereichen nicht mehr aus, so daß ein Update nur noch eine Frage der Zeit war. Im letzten Jahr hat das Programmierer-Trio aus Hamburg an der Implementierung nicht nur eigener Ideen, sondern auch möglichst vieler Wünsche von seiten der Anwender in die neue Version gearbeitet. SciGraph 2.0 präsentiert sich dem Benutzer mit einer Vielzahl neuer sinnvoller Funktionen und innovativer Konzepte: als einziges mir bekanntes Computerprogramm kann es z.B. Beleuchtung und Perspektive für die Grafiken frei setzen. Eine detaillierte Beschreibung eines jeden Punktes würde den Umfang dieses Berichtes sprengen, so daß ich nur auf die wichtigsten Neuerungen ausführlicher eingehen möchte.

Das überarbeitete Handbuch macht den Benutzernach einer kurzen Einführung in das GEM anhand von drei kleinen Übungen mit dem Programm vertraut. Im Anschluß daran folgt eine ausführliche Erläuterung der 2 Editor Fenster und der Pull Down-Menüs. Der doch ziemlich sachliche Stil des Handbuchs wird dieses Mal durch zahlreiche Hinweise und Tips zur Benutzung des Programms angenehm aufgelockert, wobei die Abbildungen jedoch etwas klein geraten sind. Ein Glossar, eine Übersicht über die Tastaturbefehle und ein umfangreicher Index untermauern den insgesamt positiven Gesamteindruck.

Der Tabellen-Editor

Der Tabellen-Editor wurde durch zahlreiche Im- bzw. Exportformate aufgewertet. Als Beispiel sei hier nur das LaTeX-Format erwähnt, in das - unter Berücksichtigung einer Vielzahl von Optionen - exportiert werden kann. Da SciGraph spaltenorientiert arbeitet, lassen sich die Spaltenund Zeilenwerte `tauschen', falls man aus einer Tabellenkalkulation zeilenorientiert angeordnete Daten importiert.

Die Bedienung des Editors gestaltet sich jetzt deutlich angenehmer: Neben den Standardfunktionen wie Leerzeilen einfügen, Zeilen löschen usw. lassen sich jetzt auch z.B. Bereiche komfortabel selektieren bzw. deselektieren. Wünschenswert wäre hier noch die Möglichkeit, Datenbereiche per Maus mit einem Gummiband zu markieren. Die Breite der Spalten paßt sich nun automatisch den eingegebenen Daten an; leider wurde es versäumt, unterschiedliche Spaltenbreiten vorzusehen. So nehmen alle Spalten die Breite der längsten an, was bei längerem Legendentext zu unnötig breiten Datenspalten führt.

Menüs en masse

Im Datei-Menü fällt als erstes eine zweite Druckmöglichkeit auf: Nun läßt sich wahlweise auch vom Programm aus drucken, was den zeitraubenden Wechsel in das Output-Programm erspart, wenn man nur mal eben' einen Konrollausdruck benötigt. Für Seriendrucke, Diashows usw. steht natürlich weiterhin das bewährte Output zur Verfügung. Auch die Import- und Exportmöglichkeiten wurden stark überarbeitet - doch dazu später mehr. Eine sehr interessante Option verbirgt sich hinter dem EintragTauschen' des Bearbeiten-Menüs: Hiermit lassen sich bestimmte Teile einer Grafik, wie z.B. Marker oder Balken, durch ein Tauschobjekt, welches in den Zwischenspeicher kopiert wurde, austauschen, wobei man zwischen verschiedenen Einpaßmöglichkeiten wählen kann. Ein Tauschobjekt kann entweder im SciGraph selbst erstellt werden, oder es kann sich um eine beliebige GEM-Grafik handeln, die vorher in ein anderes Fenster geladen wurde. Ein Objekt läßt sich jetzt auch ohne den Umweg über die Kopierfunktion duplizieren, so daß im Zwischenspeicher befindliche Objekte nicht überschrieben werden.

Das Seite-Menü bietet zwei wichtige Neuerungen: Zum einen kann die Größe der Bildschirmdarstellung gezielt und frei verändert und zum anderen endlich die Gittereinteilung wirklich frei definiert werden; so z.B. auch auf 1/2 Millimeter, was das exakte Positionieren von Objekten per Maus sehr erleichtert bzw. erst möglich macht. Doch es läßt sich nicht nur in Millimetern und Zentimetern bemaßen. In einem Pop-Up-Menü kann man sich auch für Zoll, Pica-Point oder Didot-Punkt als Maßeinheit entscheiden.

Auch im Lage-Menü hat sich einiges getan: Grafikobjekte lassen sich jetzt `sperren', also vor ungewollten Manipulationen schützen. Die Lage und Größe von Objekten kann in einem Dialogfenster zahlenmäßig exakt bestimmt werden. Außerdem lassen sich Grafiken horizontal und vertikal spiegeln und (leider nur) in 90° Schritten rotieren.

Die Qual der Wahl

Hat man im Tabellenfenster die Daten für eine Grafik selektiert, darf man sich für einen der nun schon 28 Grafiktypen entscheiden. War deren Anzahl ohnehin bereits für viele Zwecke ausreichend, so dürften die jetzigen Auswahlmöglichkeiten den meisten Anforderungen genügen, zumal noch weitere Graphen für Boxplots und Treppen (wahlweise mit und ohne Füllung) hinzugekommen sind. Möchte man seine Daten in Tabellenform ausgeben, kann man nach wie vor zwischen 4 Tabellenarten wählen, wobei man deren Aussehen durch verschiedene Parameter beeinflussen kann. Außerdem bietet SciGraph 2.0 jetzt die Möglichkeit, zweidimensionale Grafiken von vornherein horizontal generieren zu lassen, was dem Benutzer das nachträgliche Rotieren und mühsame Korrigieren der Beschriftung erspart.

Grafiken in Serie

Wurde eine Grafik erst einmal generiert, gelangt man durch Doppelklick auf eine der Achsen in das Fenster zum Einstellen der Achslänge und der Achsenunterteilung. Hier legt man nicht nur den Startund Endwert der Achsen fest, sondern kann z.B. auch auf der rechten Seite eine Achse zeichnen lassen sowie das Hintergrundraster ein und ausschalten. Hat man vor, für eine Präsentation mehrere Grafiken gleichen Formats anzulegen, würde dies in Arbeit ausarten, müßte man doch nach dem ersten Generieren einer Grafik jedesmal die Einstellungen in beiden Achsendialog-Fenstern wiederholen. SciGraph 2.0 bietet aber jetzt die Möglichkeit, gleich beim Auswählen des Grafiktyps eine Skalierung für die Grafik zu wählen, sofern eine oder mehrere vorher definiert worden waren. Dieses geht sehr einfach: Nachdem man eine Grafik erstellt hat und die Einstellungen in den Achsendialog-Boxen beider Achsen auch für weitere Grafiken benutzen möchte, wählt man im GraphMenü den Punkt Skalierung an, gibt der aktuellen Skalierung einen Namen und speichert sie ab. Ab dann stehen einem diese Skalierungen in jeder Grafik-Auswahlbox (außer Torten u. Tabellen) in Form eines Pop-Up-Menüs abrufbereit zur Verfügung. Auf diese Weise lassen sich blitzschnell exakt gleich skalierte Grafiken erstellen, ohne daß man in den Achsendialog Menüs diese Einstellungen für jede Grafik neu definieren müßte. Natürlich werden auch sämtliche 3D-Parameter, wie Beleuchtung und Lage im Raum, in der Skalierungsdatei mit abgespeichert.

Neue Perspektiven...

Die wohl spektakulärste Erweiterung stellt die variable 3D-Darstellung für fast alle Grafiken dar (auch hier: außer Torten und Tabellen). Solange die Grafiken noch nicht `aufgelöst', also in ihre Einzelteile aufgesplittet worden sind, kann man sie im 3D-Darstellungs-Menü nach Belieben dreidimensional drehen und kippen. Doch damit nicht genug: Auch die Perspektive und die Beleuchtung lassen sich frei festlegen. Bei all diesen Manipulationen wird die Grafik in einem separaten Fenster in stark vereinfacbter Form dargestellt, bei der man die Auswirkungen auf die Grafik in Echtzeit beobachten kann. Diese Einstellungen werden duch Anklicken der entsprechenden Pfeil-Buttons bzw. durch direktes Greifen und Verschieben des Beleuchtungs- bzw. Fluchtpunkt-Symbols ausgeführt. Bevorzugt man die manuelle Eingabe der Zahlenwerte, so läßt sich dies in einem separaten Menü bewerkstelligen. Ein Mausklick auf den OK-Button beendet die Einstellungen, und die Grafik wird in all ihrer Pracht neu gezeichnet. Ist man mit der Darstellung nicht zufrieden, geht man in das 3D-Menü zurück und ändert die Einstellungen entsprechend ab. Sämtliche 3D-Manipulationen sind natürlich auch auf zweidimensionale Graphen anwendbar.

Der Vektor-Editor

Am linken Rand eines jeden Grafikfensters befindet sich, wie schon vom Vorgänger her gewohnt, die Werkzeugleiste mit den für meinen Geschmack etwas zu klein geratenen Icons für die Zeichenfunktionen: Neben Linien, Polygonen, Rechtecken, Ellipsen und Ellipsenteilen verarbeitet SciGraph nun auch Bezierkurven. Das ist durch das AMC-GDOS möglich geworden, durch welches der ATARI nun auch zum GEM 3.0 unter MS-DOS kompatibel ist. Die Bezier-Funktionen beschränken sich jedoch im Augenblick nur auf das Notwendigste, wie das Zeichnen von Bezier-Kurven, das Umwandeln von Polygonzügen in Bezier-Kurven (eine Umkehrung dieser Funktion ist nicht möglich), sowie das Verschieben der Anker- und Stützpunkte. Ein Hinzufügen bzw. Löschen von Ankerpunkten ist (noch) nicht implementiert; hierbei sollte man aber nicht vergessen, daß SciGraph in erster Linie ein Präsentationsgrafik-Programm ist und die Edierfunktionen ohnehin schon über das hinausgehen, was man von einem Programm dieses Genre erwartet.

Das trifft auch auf eine weitere Neuerung zu: den Grau- bzw. Farbverlauf. Rechtecke und Ellipsen bzw. Kreise lassen sich nun mit einem Verlauf füllen, dessen Start- und Endwert ebenso frei wählbar sind wie die Unterteilung in eine bestimmte Anzahl von Stufen. Ebenso läßt sich festlegen, ob es sich um einen Linearoder einen .Winkelverlauf handeln soll; letzterer gibt z.B. Kugeln einen dreidimensionalen Touch. Da sich auch Kreissegmente mit einem Verlauf füllen lassen, ergeben sich für das Ausgestalten von Tortengrafiken neue Möglichkeiten, indem man die obenliegenden Kreissegmente der Torten mit einem Winkelverlauf füllt.

Eine weitere neue Funktion stellt das `Tauschen' dar. Diente sie im Tabellenfenster noch dazu, Spalten und Zeilen miteinander zu vertauschen, so lassen sich im Grafikfenster Teile einer Grafik durch in den Buffer kopierte Objekte ersetzen. Das läßt sich z.B. sinnvoll bei den Markern einer Liniengrafik einsetzen, bei der die Marker durch aussagekräftige Grafiksymbole ersetzt werden. Oder man verwandelt über die Tauschfunktion zweidimensionale Balken in Röhren, indem man die Balken durch zwei sich gegenüberstehende Verläufe ersetzt; der Phantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt.

Auch in der Textbearbeitung hat sich viel getan. Text läßt sich jetzt unmittelbar dort eingeben, wo gerade der Mauszeiger steht. Man braucht einfach nur 'draufloszuschreiben'; ein Feature, an das man sich allerdings erst gewöhnen muß. Denn vergißt man bei einem Tastatur-Shortcut das Drücken der CONTROL- oder ALTERNATE-Taste, findet man den entsprechenden Buchstaben als Textrahmen im Grafikfenster wieder, den es dann erst einmal zu löschen gilt. Ansonsten haben die Textfunktionen weitere sinnvolle Erweiterungen erfahren: So zeigt das Feld Textprobe eine Schriftprobe des gewählten Fonts samt eingestellter Attribute. Ebenso kann man nun nach Anwählen eines Textobjektes dessen Attribute im Textmenü ablesen. Beliebige Textattribute lassen sich `sperren', wobei der jeweilige Button grau erscheint. Bei globalen Textänderungen (z.B. Änderung des verwendeten Fonts) behalten hierduch fette Überschriften oder kursive Legendentexte ihre Attribute bei, so daß man diese nicht mehr wie bisher nachträglich restaurieren muß.

SciGraph 2.0 unterscheidet zwischen 3 Arten von Mustern: frei wählbare Raster, Schmuckmuster, die hauptächlich für den Ausdruck auf Nadel- und Laserdruckern vorgesehen sind, und Schraffuren, bei denen man durch Übereinanderlegen transparenter Elemente auch zusätzliche Muster erzeugen kann. Die oben erwähnte Sperr-Funktion findet man auch hier wieder.

Linienstärken lassen sich bis zu einer Stärke von 2 cm frei bestimmen; einzige schwerwiegende Einschränkung: unterbrochene Linienstile werden generell nur in sehr dünner Strichstärke gezeichnet. Diese Einschränkung liegt jedoch im GEM des ST'begründet, hätte jedoch vielleicht mit einem erweiterten AMC-GDOS aufgehoben werden könne; Bezierkurven sind durch dieses schließlich auch möglich geworden...

Besitzer einer Farbgrafikkarte (z.B MGE oder Matrix) können bis zu 256 Farben zur Ausgestaltung einer Grafik gleichzeitig verwenden. Diese Farben beziehen sich auf Linien, Flächen und Verläufe oder Texte; so kann man z.B. für Rand und Fläche eines Objektes verschiedene Farben definieren.

Exportzuwachs

Die Ausgabe der Grafiken erfolgt wahlweise als GEM-Metafile, als CalamusVektorgrafik oder im PostScript-Format, durch welches sich die Grafiken in Topqualität auch auf Dia belichten lassen. Über den Export der Grafiken im EPS Format (Encapsulated PostScript) schlägt SciGraph 2.0 die Brücke zur MAC- und MS-DOS-Welt.

Noch Wünsche offen?

Als 'Fernziel' für die Zukunft wäre eine Modulbauweise wünschenswert, wie sie beim neuen Calamus zum Einsatz kommen soll. Hierdurch ließe sich der Programmcode von SciGraph, der nun in der Version 2.0 bei stolzen 442 kByte liegt, deutlich reduzieren. Der Anwender könnte sich dann selbst die von ihm benötigten Grafiktypen konfigurieren und so wertvollen Arbeitsspeicher sparen und die Ladezeit verkürzen. Auch die Erweiterung des Programms um neue Grafiktypen wäre so leichter zu bewerkstelligen.

Das Programm läuft übrigens auf jedem Computer der ST-Serie (sogar auf einem 520 ST!) und auf dem TT. Auch eine MSDOS-Version, die über denselben Funktionsumfang wie die ST-Version verfügt, ist bereits verfügbar. SciGraph 2.0 ist jedem, der Zahlenwerte grafisch aufbereiten und in professioneller Qualität ausgeben möchte, uneingeschränkt zu empfehlen. Es ist eine gelungene Kombination aus Präsentations- und Vektorgrafikprogramm, die auf dem Software-Markt zur Zeit ohne Konkurrenz ist. Der Anwender erhält ein ausgereiftes Programm, dessen enorme Funktionalität die Investition von 599 DM schnell wettmacht.


M.Ficht



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