Editorial : konrad-Duden antWORTET nicht
Die Weisheit, daß Kleider Leute machen, gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für Software. Was würden Sie schließlich von einem Editor namens "Editor" halten? Stellen Sie sich vor, Signum! hieße "Schöndruckprogramm mit integrierter Textverarbeitung" - sicherlich kein schöner Name für ein Programm. Doch gerade bei der Namensgebung scheinen viele Software-Häuser große Probleme zu haben, denn die meisten guten Namen sind bereits vergeben. Natürlich könnte Signum! auch "Aphrodite" heißen, aber solcherlei Namensgebung läßt doch einiges zu wünschen übrig, sagt sie doch nicht viel über das Programm aus. So versammelt sich dann die halbe Sagenwelt um den ST und nennt sich Merkur, Wodan, Hermes, Phoenix oder Zerberus.
Doch das Dilemma der Namensgebung nimmt auch recht ungewöhnliche Formen an. Orthografische Ungetüme wie "ReProK", die jedem Redakteur die Tastatur erzittern lassen, sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Von Rechtschreibung kann hier keine Rede mehr sein, nur von künstlerischer Freiheit. Hinter dem Namen "OMIKRON." sitzt beispielsweise immer ein Punkt. Das ist zwar werbewirksam, beendet nach "OMIKRON." aber grundsätzlich den Satz, so daß man sich immer überlegen muß, wie man den Namen als letztes Wort im Satz plazieren kann - ganz abgesehen davon, daß das Wort groß geschrieben wird, was orthografisch ebenfalls nicht zu rechtfertigen ist. Hinzu kommen Schöpfungen wie "vortex", "rhothron", "eickmann"' "protar" oder als Krönung "mouseWare PAD", die nicht am Anfang eines Satzes stehen sollten, weil sie immer klein geschrieben werden.
Doch nicht nur Software-Hersteller, sondern auch andere Gruppen erfinden immer neue Wortungetüme. Bei Studenten, die ja bekanntlich viel mit Computern arbeiten, hat sich beispielsweise die Bezeichnung "StudentInnen" eingebürgert. Was aus Emanzipationsgründen entstanden ist, sieht inzwischen eher nach dem krampfhaften Versuch aus, eigene Wonschöpfungen zu kreieren. Und selbst hier fehlt eine klare Linie. Geht man davon aus, daß man hieraus die Begriffe "Student", "Studentin", "Studenten" und "Studentinnen" bilden kann, müßte das "Wort" eigentlich "StudentInNEn" heißen!
Ist es nötig, die Rechtschreibung so zu vergewaltigen? Stellen Sie sich eine "frankFurter.SparKASSE" oder den "metzGER_aM_mARKT" vor. Würde Ihnen das gefallen? Der geneigte Leser kann daraus nur eine Lehre ziehen: Nicht alles, was man spricht, ist Deutsh!

Martin Pittelkow

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