Sounds wie von Geisterhand - Der ST steuert Radio-Station

Pressekonferenzen, Telefoninterviews, ein Brand in der Region und schnell noch die neue Platte von Sting vorgestellt. Wieder einmal einer dieser Tage, an denen man sich wirklich nicht über mangelnde Arbeit beklagen konnte. Es ist kurz vor 19.00 Uhr. Die diensthabende Moderatorin im Studio I von Radio Pilatus, dem Luzerner Privatradio in der Zentralschweiz, spielt eine letzte Platte ein. Dann wendet sie sich zum Monitor links von ihr und greift zur Maus. Nach wenigen Handgriffen leuchtet auf dem Bildschirm von "SPS-RADIO“ die Bereit-Meldung auf.

Für die Moderatorin ist nach den 19-Uhr-Nachrichten endlich Feierabend angesagt. Denn nun übernimmt der Atari Mega-ST als speicherprogrammierbare Steuerung (SPS) die Kontrolle über das nachfolgende Radioprogramm: insgesamt elf Stunden, non stop.

Daß Radio Pilatus ein 24-Stunden-Programm ausstrahlt, war nicht immer so. Bis vor wenigen Monaten wurde lediglich von 6.00 bis 24.00 Uhr das eigene Programm gesendet. Während der übrigen sechs Stunden übernahm man das Nachtprogramm einer anderen Rundfunkstation. Dies war aber eine Lösung, welche die Radiomacher seit jeher nie voll befriedigte. Zum einen paßte das Musikprogramm in dieser Zeit nicht zum Musikteppich von Radio Pilatus, zum anderen war die Programmübernahme mit Kosten verbunden.

Zwei freie Mitarbeiter des Senders, Roland Bücher und Walter Greter, hatten dieses Problem schon früh erkannt. Da sich die beiden seit Jahren mit Computer und Elektronik beschäftigen, trafen sie letztes Jahr die Entscheidung, das Radioprogramm zu automatisieren. Die Grundidee war schnell geboren: Das ehrgeizige Projekt sollte mit einer Compact-Disc-Automatisation realisiert werden. Wesentlich mehr Zeit benötigte man für die Detailplanung, waren doch die Anforderungen an den künftigen Automaten sehr hoch. So sollte die Steuerung neben dem Betrieb für Non-Stop-Musik auch in der Lage sein, Stationssignete und aufgezeichnete Zeitansagen während der Nacht pünktlich einzuspielen, und aufgezeichnete Produktionen sowie Sendungen von Außenstudios zu schalten.

In unzähligen Nachtschichten realisierten die beiden einen Prototypen. Es entstand das Projekt „SPS-RADIO“, welches sie bereits im letzten Herbst während drei Monaten in der Radiopraxis testeten. Die Studioautomatisation sollte nicht nur bedienerfreundlich, sondern auch möglichst preiswert und zuverlässig sein. Deshalb achtete man bei der Projektierung darauf, daß die vorhandene Studioinfrastruktur (Band, Jingle-Maschinen etc.) problemlos an die Steuerung angepaßt werden konnte. Als Träger für das Musikprogramm dienen konventionelle Sechser-CD-Wechsler. Diese Geräte haben sich in der HiFi-Praxis millionenfach bewährt. Da sie in großen Serien produziert werden, sind sie zudem äußerst preiswert.

Wie aber sollten nun die verschiedenen Apparaturen miteinander verbunden und gesteuert werden? Bald war klar, daß dies am optimalsten mittels einer speicherprogrammierbaren Steuerung (SPS) zu verwirklichen war. SPS-Steuerungen werden vor allem in der Industrie zur Automatisierung eingesetzt (vgl. ST-COMPUTER 1/91). Eine SPS ermöglicht, die verschiedenen Geräte eines Radiostudios auf relativ einfache Weise, günstig und mit geringem Programmieraufwand, anzusteuern. Besonders geeignet erscheint diese Steuerungsart zudem, weil die meisten der vorhandenen Audio-Apparaturen keine Datenschnittstellen besitzen. So erfolgt die Ansteuerung vorwiegend über Relaiskontakte und Optokoppler. Im Fall von SPS-RADIO werden logische Signale von den Audiogeräten abgefragt und so der aktuelle Betriebszustand ermittelt (z.B. CD-Player 01 ist in „Pause-Position“). Die verarbeiteten Daten erscheinen anschließend als Anzeige am Bildschirm oder in Form eines Steuersignals am I/O-Port.

Unter der Vielzahl von verschiedenen SPS-Steuerungen, die auf dem Markt erhältlich sind, haben sich die Entwickler von SPS-RADIO für das Produkt „S5PG“ von „Karstein Datentechnik“ entschieden. Diese SPS-Variante ist voll S5-Simatic-kompatibel und wird hauptsächlich zur Programmierung von Siemens SPS-Steuerungen verwendet. Es können jedoch auch zwei verschiedene Interfaces am Atari ST betrieben werden: Das 19"-Industrie-Interface von Plan & Simulation oder, wie im Falle von SPS-RADIO. das ST5-I/O-System in modularer Bauweise. Über ein 40poliges Flachbandkabel wird das Interface am Atari-ROM-Port angeschlossen. Dieses erzeugt neben den 8 Daten- und Adreßleitungen noch die nötigen Steuersignale für den Bus. Somit läßt sich das System auf bis zu 4096 Ein- und Ausgabekanäle ausbauen. Dank der ausgereiften CAD und einer umfangreichen Bauteilbibliothek bietet S5PG die Möglichkeit, jede beliebige Schaltung auf einfache Art am Monitor zu simulieren. Dadurch wird bei SPS-RADIO der Bildschirm zum Hauptbedien- und Informationselement. Übersichtlich angeordnet sind darauf Taster, Schalter, Anzeigefelder, Timer, Zähler und einiges mehr zu finden (s. Abb. 2).

Mittels Mausklick werden der Steuerungsablauf festgelegt und die Anlage bedient. SPS-RADIO gibt dann automatisch die erforderlichen Signale an die angeschlossenen Geräte weiter. Auf dem Bildschirm wird laufend der aktuelle Betriebszustand angezeigt.

Die Verarbeitung der ein- und ausgehenden Signale (und somit die Steuerung) besorgt in der Prototyp-Version ein rund 600 Zeilen starkes Programm. Steuerungsaufgaben sind aber nicht das einzige, was dieses Programm leistet, daneben bewältigt es auch eine Menge Kontrollarbeit. Wenn beispielsweise eine CD plötzlich einen „Hänger“ haben sollte, erkennt dies das Programm (via Timer „PB 16“, s. Abb. 2), blendet den fehlerhaften Song aus und startet den nächsten Player. Auch für den Fall eines Systemausfalles ist Vorsorge getroffen. Für diese Situation ist ein Video-8-Audiosystem installiert. Ein Notprogramm, das in der Lage ist, bis zu 16 Stunden Non-Stop Musik zu spielen. Über die Modem Schnittstelle werden die zuständigen Personen alarmiert. Auch das Fernsteuern von SPS-RADIO ist über diese Schnittstelle möglich. Der Testbetrieb zeigte allerdings, daß diese Sicherheitsfunktionen kaum in Aktion treten mußten.

Der Atari ST im Studiobetrieb. Rechts im Bild die Jingle-Maschinen, für Stationssignete und Zeitansagen.

Der CD-Block mit Steuer-Hardware in der Prototypversion. Oben das Interface und die I/O-Module mit den Steuereinschüben und der Mischeinheit.

Begriffserläuterungen

Jingle-Maschine

Auch Cartridge-Maschine genannt, weil sie Cartridges (spezielle Endlos-Kassetten) abspielen. Von diesen Maschinen blendet man Stationserkennungen, Signete aller Art, sowie Werbespots ein. Bei SPS-RADIO werden Cartridges mit zehnminütiger Laufzeit eingesetzt. Mehrere Signete/Ansagen können so nacheinander auf einem Band plaziert werden.

Fader

Lautstärkeregler, wie sie in jedem Mischpult vorhanden sind. Am unteren Ende des Faders ist ein Microswitch angebracht. Öffnet man den Regler, wird am I/O-Port der SPS-Steuerung ein Input-Signal gesetzt und das Musikprogramm gestartet.

Der Steuerungsablauf

Ein Beispiel aus der SPS-RADIO-Praxis
Donnerstag, 19:00 Uhr. Nachdem bereits am Nachmittag der Ablauf des Abendprogramms von Radio Pilatus mittels Mausklick festgelegt worden ist, schaltet das Programm in den Bereit-Modus: Die Player werden eingeschaltet, und SPS-RADIO prüft, ob alle CD-Magazine eingeschoben sind. Je fünf Steuerbefehle sind für das Einrichten der Player verantwortlich. SPS-RADIO überprüft dann, ob Stationssignete, Programm- und Zeitansagen ab Jingle-Maschine geplant sind. Nach wenigen Sekunden erscheint die Bereit-Meldung. Die Moderatorin muß jetzt nur noch den Fader hochziehen und kann dann getrost in den Feierabend gehen. Bis zum Morgengrauen hat SPS-RADIO Studiodienst: 11 Stunden Abend und Nachtprogramm. Vorgesehen sind: Musik non-stop, Hitparade, Live-Sendung aus einem Dancing, und wieder Musik non-stop.

Wird der Regler am Mischpult betätigt, liegt das Fader-Signal am ST-5-I/O-Port an. Das Programm springt in die Betriebsschlaufe und startet den ersten Musiktitel von Player 2. Der Monitor zeigt an, daß SPS-Radio „In Betrieb“ ist und CD-02 im „Play“- Modus läuft (s. Abb. 2). Ist der aktuelle Titel zu Ende gespielt, wird dies dem Programm gemeldet. Es erfolgt eine Überblendung zu Player 3. Inzwischen sucht sich Player 2 mittels Zufallsgenerator den nächsten Song von einer der sechs CDs im Magazin der Player aus. Titel, die sich auf einer CD befinden, aber schlecht ins gewünschte Musikprogramm passen, können zuvor direkt auf den Playern gelöscht werden. Ist ein Stations-Jingle vorgesehen (zu jeder halben Stunde), wird die Zeit von SPS RADIO registriert, und zwischen dem nächsten Musikwechsel ertönt das typische Erkennungssignet „Listen to the Radio of living Lucem !“. Doch zurück zum laufenden Abendprogramm.

20:00 Uhr. Pünktlich wird der aktuelle Titel ausgeblendet. Von Jingle-Maschine 2 erfolgt eine Programmansage, die am Nachmittag auf Band gesprochen worden ist. Der Programmhinweis gilt der Wiederholung der Hitparade „Top50“. Sekundengenau startet SPS-RADIO die Bandmaschine „Tape I“, für zwei Stunden Hits auf 104,9 MHz.

22:00 Uhr. Während die Nummer Eins der „Top 50“ von Radio Pilatus langsam zu Ende spielt, wartet Moderator Gabriel Felder im Dancing „Black Jack“ gespannt auf das Signal aus dem Studio. Auf dem Programm stehen vier Stunden Live-Sendung mit Publikum: Talkshows, Dance-Hits und flotte Sprüche. Doch im Studio wartet SPS-RADIO zuerst auf das „Stop“-Signal der Bandmaschine. Dann wird über Jingle-Maschine 1 ein Stationssignet eingespielt - das Zeichen für den Moderator, in wenigen Sekunden auf Sendung zu gehen. Erst danach schaltet das System zur Midnight-Show in das Luzerner Dancing. Für diese Umschaltung von Studio 1 zur Live-Übertragung ist ein SPS-Signal an die automatische Studioregie verantwortlich. Die Studioregie bestimmt, welche Leitung auf den Sender geschaltet wird: „Report I“ ist nun direkt "On Air“. Auf ihr werden Musik und Worte aus dem Dancing ins Studio übertragen.

02:00 Uhr. Umschaltung auf das CD-System. SPS-RADIO begleitet weitere vier Stunden mit unterhaltsamen, abwechslungsreichen Songs durch die Nacht, unterbrochen mit Stations-Jingles und Zeitansagen.

Fazit/Ausblick

Die dreimonatigen Betriebserfahrungen mit der Prototypversion von SPS-RADIO haben gezeigt, daß eine Programmautomatisation in diesem Rahmen durchaus professionell eingesetzt werden kann. Am Projekt SPS-RADIO wird weiter entwickelt. So soll in absehbarer Zeit eine automatische CD-Magazinerkennung realisiert werden. Anhand der eingesetzten Magazine erkennt SPS-RADIO die Magazinnummer und dadurch die verwendeten CDs. Diejenigen Titel, die sich schlecht in das Musik-Programm einfügen, werden dann automatisch aussortiert und nicht gespielt. So kann die Programmgestaltung wesentlich beeinflußt werden.

In einer kleineren Version eignet sich SPS-RADIO auch für den Einsatz in Bars, Restaurants und Warenhäusern.

Roland Bücher / Daniel Deicher

Kontaktadresse.

R. Bucher
Wesemlinstrasse 62 CH-6006 Luzern

Bild 1: Das Blockschema von SPS-RADIO
Bild 2: Der Bildschirmaufbau: Benutzerfreundliches Bedien-und Anzeigefeld.



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