Computer-Magazin-Archiv

Acheter francais - Digital Lab

Grafikprogramme im Vergleich: Neben Deutschland hat sich besonders Frankreich als "Füllhorn" guter AtariSoftware etablieren können. Die neueste überraschung unserer Nachbarn heißt "Digital Lab" und beschert einen weiteren EBV-Spezialisten.

Die Stärken des Atari werden seit Jahren eher in den Bereichen MIDI, Text und DTP gesucht. In Sachen Grafikbearbeitung und -erstellung schienen bisher Computersysteme wie PC, Mac und Amiga einen weiten Vorsprung zu haben. Besonders seit der Atari-Show 1997 in Neuss scheint sich das Blatt jedoch gewendet und die TOS-Welt zunehmend zu den Konkurrenten aufgeschlossen zu haben. PixArt entwickelt sich ständig weiter, Photo Line hat einen neuen Vertrieb gefunden (und wird eventuell auch weiterentwickelt), und mit Smurf betrat ein leistungsstarker Newcomer den Markt. Als wenn diese Situation nicht schon genug zu spontanen Feierlichkeiten in der Atari-Grafik-Szene Anlaß gegeben hätte, kommt nun "Nachschlag" aus Frankreich. Digital Lab verspricht, eine gelungene Kombination aus EBV, Effektprozessor und Malprogramm darzustellen.

Parlez-vous francais?

Eine kleine Einschränkung gleich zum Anfang: Wer Digital Lab verwenden will, muss im Moment noch auf eine deutsche Dokumentation verzichten, da die mitgelieferte Online-Hilfe zur Zeit noch komplett in Französisch gehalten ist. Die Oberfläche ist jedoch schon von Jan Daldrup, der auch eine deutsche News-Homepage zu Digital Lab im Internet betreibt (siehe Bezugsquellen), "eingedeutscht" worden, weshalb bis zu einer deutschen Anleitung nicht mehr allzu viel Wasser den Rhein (oder die Seine) herunterfließen wird.

An die erforderliche Hardware stellt das Programm schon weniger Voraussetzungen: Digital Lab konnte erfolgreich sowohl auf ST, Falcon und Hades getestet werden; auch diverse Grafikerweiterungen wie ein Screenblaster, BlowUp oder diverse Grafikkarten bereiten keinerlei Probleme. Auch die Liste der unterstützten Betriebssysteme und BetriebssystemErweiterungen lässt weiterhin beruhigt einschlafen, reicht diese doch von TOS über MiNT, N.AES und Geneva bis hin zum allseits beliebten MagiC und NVDI. Um mit Digital Lab arbeiten zu können, sollte Ihr Atari über mindestens 2 MB RAM verfügen. Eine Besonderheit stellt die Verwendung des "M&E-Systems" von Parx dar, das Lade-und Speicherroutinen für eine Vielzahl von Grafik- sowie Animationsformaten bereitstellt. Der Versuch, hier einen Standard einführen zu wollen, ist sicher positiv zu werten, immerhin hält dieser die Größe der auf das Parx-System zurückgreifenden Applikationen gering und den Umfang der unterstützten Formate hoch, während sich der Programmierer voll auf das eigene Produkt konzentrieren kann. Das M&E-System ist ebenfalls auf der Homepage der Digital-Lab-Autoren zu finden. Wenn Sie beide Verzeichnisse auf dieselbe Partition Ihres Laufwerkes kopieren, sind auf beiden Seiten keinerlei zusätzliche Installationsarbeiten erforderlich, weshalb man wohl von einer "idiotensicheren" Installation sprechen darf.

Oberflächliches

Nach dem Programmstart öffnet Digital Lab standardmäßig einen eigenen Arbeitsbildschirm. Wenn Sie möchten, können Sie diesen im Einstellungsmenü jedoch auch gegen den Desktop-Screen ersetzen, was jedoch bei Auflösungen mit bis zu 256 Farben nicht empfehlenswert ist, da die Farbpaletten nicht übereinstimmen und so die Farben in Digital Lab falsch dargestellt werden. Zukünftige Versionen sollten vielleicht 16 Farben für das System übriglassen. Auf dem Arbeitsbildschirm fällt auf den ersten Blick die Werkzeugbox (siehe Abbildung) von Digital Lab ins Auge, die verschiedene Mal- und Retuschier-Funktionen anhand von Farbicons darstellt. Diese sind zwar sehr gut gelungen, für meinen Geschmack jedoch etwas zu groß geraten (wobei sich aber über Geschmack wie immer streiten lässt).

Sowieso wechseln sich in der Oberfläche Höhen und Tiefen ab: Einerseits ist diese vornehmlich sehr modern gehalten - so sind alle Requester und Dialogboxen mit einem dezenten Hintergrundmuster versehen, Buttons und Slider erscheinen in einem eigenen attraktiven 3D-Look, und Unterpunkte sind in einem KarteikartenLook untergebracht. Im krassen Gegensatz dazu blockieren Dialogboxen stets das ganze System, da sie zumeist nicht in eigenen Fenstern dargestellt werden können, wie man das einfach von einem modernen Programm erwarten kann. Insofern spricht die Oberfläche optisch zwar auf den ersten Blick an und weckt Assoziationen z. B. zur Oberflächengestaltung von Smurf, auf den zweiten Blick wird jedoch deutlich, dass diese an einigen Punkten und mit Hinblick auf heutige Multitasking-Betriebssysteme nochmals "überholt" werden müsste.

Die Arbeit mit Digital Lab

Die Arbeit mit Digital Lab unterteilt sich in verschiedene Bereiche: Erstens stehen grundlegende Zeichen- und Retuschierfunktionen in der Werkzeugbox bereit, zweitens ist eine Vielzahl von Effekten über die Menüleiste abrufbar.

Die in der Werkzeugbox aufgeführten Funktionen sind zumeist in ihrer Intensität einstellbar. Ein Doppelklick auf das entsprechende Icon öffnet eine Dialogbox, in der Werte wie Durchmesser oder Toleranz komfortabel mit Slidern nach eigenen Wünschen eingestellt werden können. Dieses Konzept ist allerdings noch nicht in alle Features implementiert, so lässt sich zum Beispiel bei der Rechteckoder Kreis-Funktion noch nicht die Rahmenbreite festlegen, beim Stift ist noch keine Zeichenstärke einstellbar. Trotzdem lohnt sich ein Doppelklick auf jedes Icon, da hinter einigen sogar noch einige aufrufbare Zusatzfunktionen untergebracht sind, die den Leistungsumfang der Software nochmals erhöhen. So kann z.B. ein Block nicht nur rechteckig aufgezogen werden, sondern auch Polygon-förmig. Mit der Linienfunktion kann man nicht nur Geraden oder Schrägen setzen, sondern diese auch zu gefüllten und ungefüllten Polygonen zusammensetzen. Ein "Herumprobieren", besonders aufgrund der bisher fehlenden deutschen Dokumentation, empfiehlt sich hier und macht aufgrund der erfreulich hohen Arbeitsgeschwindigkeit der Applikation auch auf unbeschleunigten Maschinen Spaß.

Sowieso kann man sich besonders unter den über die Werkzeugbox erhältlichen Retuschierfunktionen erst etwas vorstellen, wenn man diese in der Praxis einmal ausprobiert hat. Mit dem "Finger" zum Beispiel kann man gezielt einzelne Bildteile verwischen, mit dem "Tropfen" Bildteile weichzeichnen, im Kontrast ändern oder erneut nachfärben.

Interessant werden alle diese Funktionen dadurch, dass sie auf bestimmte Bereiche begrenzt werden können. Dazu steht das "magische Baquette", ein Zauberstab, zur Verfügung, der bestimmte Effekte auf einen einstellbaren Farbtoleranz-Bereich festlegt. So lassen sich damit z.B. sehr gezielt bestimmte Bildbereiche umfärben, während andere Farben bestehen bleiben.

Ein weiteres Highlight stellt mit Sicherheit die Maskenfunktion dar, die man zum Teil in anderen Programmen bisher schmerzlich vermisst. Hauptanwendung von Maskierungen ist sicher, freigestellte Bereiche in andere Bilder einzupassen. In Zusammenarbeit mit dem Zauberstab lässt sich dieses innerhalb von Digital Lab auch sehr effektiv und einfach realisieren. Definieren Sie einfach einen bestimmten Bereich Ihrer Ausgangsgrafik mit dem Zauberstab, aktivieren Sie die Maskenfunktion in Ihrer Toolbox und übertragen Sie den freigestellten Bereich per "Cut & Paste" in Ihre Zielgrafik. Mit etwas übung kann man schnell zu sehr guten Ergebnissen kommen. Darüber hinaus lassen sich einzelne Effekte und Funktionen gezielt auf den ausmaskierten Bereich begrenzen. Die Anwendungsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben, sind riesengroß. Auf jeden Fall machen sie Digital Lab zu einem mächtigen Tool für ambitionierte Retouche-Arbeiten. Die Farbe der Maske sowie das verwendete Farbsystem (RGB, CMY und TLS) sind frei wählbar.

Der Ausdruck kann entweder mit SpeedoGDOS, NVDI oder dem Parxsystem erfolgen. Ist eine GDPSScannertreiber installiert, können die Daten direkt in das Programm eingebunden werden.

Ein Programm mit Effekt

Wie bereits erwähnt, sind verschiedene Effekte über die Menüleiste von Digital Lab erreichbar. In dieser Hinsicht steht der Franzose dem deutschen Konkurrenten Smurf kaum in etwas nach: Immerhin 53 verschiedene Effektmodule stehen dem experimentierfreudigen Grafikkünstler zur Verfügung. Eine weitere Eigenschaft erinnert äußerst angenehm an die Arbeit mit Smurf: Jeder Effekt kann in einem Vorschaufenster begutachtet werden, bevor er auf das Ausgangsbild angewendet wird. Im Gegensatz zu Smurf ist dieses jedoch Dank der einfachen Undo-Funktion auch dann nicht endgültig geändert, wenn man den Effekt hat ausführen lassen. Oftmals wirkt ein Effekt auf die ganze Grafik gesehen anders, als man dieses in der Vorschau erkennen konnte, und so ist ein immer noch mögliches "Undo" mehr als willkommen.

Die Auswahl der Effekte bietet ein breites Spektrum moderner Bildmanipulationsmöglichkeiten, die sich jeder durch einfaches Ausprobieren selbst erschliessen muss, da die verschiedenen Modulnamen leider noch nicht ins Deutsche übertragen worden sind, und die dahinterstehenden Funktionen somit oftmals nur zu erraten sind. Durch die komfortable Vorschaufunktion stellt dieses allerdings kein allzu großes Manko dar, weil diese zum Herumprobieren geradezu einlädt.

Persönliches Fazit

Wie bei keinem zweiten Programm ist eine Bewertung von Digital Lab nur vom persönlichen Gesichtspunkt abhängig. Da sich in der Optik und dem Funktionsumfang Vergleiche zum Effektprozessor Smurf geradezu aufdrängen, scheint mir eine kurze "Gegenüberstellung" an dieser Stelle zumindest nicht unangemessen. Etwa gleichwertig sind beide Programme im Umfang der mitgelieferten Effektmodule, wobei Smurf vielleicht einen etwas spektakuläreren Eindruck hinterlässt. Auch im Bereich der Im- und Exporttreiber sind beide Konkurrenten zumindest gleichwertig, wobei Digital Lab klar von der Vielfalt des Parx-Systems profitiert und somit im Gegensatz zu Smurf den (fast unverzichtbaren) GIF-Exportreiber vorweisen kann. Der eigentliche Funktionsumfang hebt Digital Lab sogar etwas über seinen deutschen Konkurrenten hinaus, da die Kombination aus Zeichen- und Retouche-Programm inklusive Maskenfunktionen doch auch eher den professionellen Anwender ansprechen kann. In der Oberfläche und somit der Bedienung bleibt Smurf jedoch bis auf weiteres klarer Spitzenreiter unter den Grafikprogrammen für den Atari (und nicht nur in diesem Bereich). Diese wirkt bei Digital Lab nicht recht "zu Ende gedacht" und hinterlässt einen eher zwiespältigen "Nachgeschmack". Schwerster Nachteil von Digital Lab ist aber mit Sicherheit das Fehlen einer deutschen Dokumentation. Sollte diese bald nachgeliefert werden, kann das Programm durchaus auch deutschen Händlern "ans Herz gelegt werden", damit diese für einen Vertrieb in "diesen unseren Landen" sorgen. Sollte der Preis ähnlich günstig gehalten werden können wie bei Smurf, stellt es nicht nur einen ernsthaften Konkurrenten, sondern auch eine sinnvolle Ergänzung zu gängiger EBVSoftware dar.
Preise:

Digital Lab wird als Shareware vertrieben, die Registriergebühr für den Bezug einer Vollversion beträgt 300 französische Francs. Ein deutscher Vertrieb ist bisher nicht bekannt.

Bezugsquellen:
Frederic Bayle
14, rue Louis Lejeune
F-92120 Montrouge
http://eric.dacunha.free.fr/

Eric Da Cunha
23, rue du Hameau
F-75015 Paris
http://www.epita.fr/~da-cun-e
Ständige News über die Weiterentwicklung und übersetzung des Programms finden Sie außerdem unter: http://xonline.atari.org

Literaturhinweis:
ST-Computer/Atari-Inside 05/98, S. 13: Der Grafikschlumpf - Smurf 1.01

Thomas Raukamp


Kontakt Artikel-Archiv

Copyright-Bestimmungen: siehe "Über diese Seite".
Classic Computer Magazines
[ Join Now | Ring Hub | Random | << Prev | Next >> ]