Unix meets Atari

Unix-Programme auf dem Atari? Der X11-Server verspricht dies Wirklichkeit werden zu lassen und könnste so den Softwarebestand unter MiNT-Freunden ungeahnt wachsen lassen. Benjamin Kirchheim schaute sich die Umgebung genauer an.

Ein X11-Server dürfte Unix- (und Anwendern von Derivaten wie BSD, Linux) Benutzern bekannt sein. Es handelt sich um ein grafisches System mit Fenstern usw., wie der Atari-Benutzer es vom GEM her kennt. Viele grafische Anwendungen unter Unix verwenden X11, so z.B. auch Netscape.

Mit dem X11 -Server für GEM ist es jetzt möglich, X11-Ausgaben im GEM-Fenster ablaufen zu lassen. So wird der Atari - beinahe - zur Unix-Maschine. Natürlich gibt es einige Voraussetzungen. Ein Unix-Netscape läuft natürlich nicht auf dem Atari. Aber X11-Anwendungen, deren Sourcen frei erhältlich sind, lassen sich einfach auf den Atari portieren und im X-Fenster ausführen.

Einige X11-Anwendungen wie ein Chat-Programm, eine Desktopuhr, ein Skat-Spiel etc. sind bereits auf den Atari portiert.

Systemvoraussetzungen

Empfohlen wird ein Atari mit mindestens einem 68030-Prozessor und 10 MBytes RAM, um eine akzeptable Geschwindigkeit zu erreichen. Unbedingt erforderlich ist ein installierter und laufender MiNT-Kernel ab Version 1.15.6, NVDI >= 4.1 und ein modernes Multitasking-AES wie N.AES, XaAES oder das AES 4.1 von Atari (MultiTOS).

Eine komplette MiNTnet-Installation - von vielen gefürchtet, weil die Installation nicht ganz einfach ist - wird dagegen nicht benötigt. Was von MiNT-net gebraucht wird, befindet sich in einem kleinen Extra-Paket, das leicht zu installieren ist (tiny-sock). Es werden alle Bildschirmauflösungen und Farbtiefen (bis auf 4 Farben und 15 bit PC-Format) unterstützt.

Installation

Alle nötigen Pakete sind über die URL [1] zu beziehen. Wer Spare-mint installiert hat, bekommt auf der Sparemint-Homepage [2] weitere X11-Anwendungen.

Der X11-Server ist eine GEM-An-wendung, dementsprechend kann er in ein beliebiges Verzeichnis verfrachtet und von dort per Doppelklick gestartet werden. Empfehlenswert ist aber das Verzeichnis "/usr/X11 R6/bin/". Benötigt wird außerdem ein Verzeichnis "/var/lib/ Xapp". Damit ist der Server einsatzbereit. Damit die Anwendungen laufen können, werden noch ein paar Environment-Variablen gebraucht, diese setzt man am besten über die "mint.cnf".

X11-Anwendungen können ihr Ausgaben in ein beliebiges Fenster auf einem beliebigen Rechner machen, der über ein Netzwerk erreichbar ist. So könnte man beispielsweise auf einem Linux-Rechner Netscape starten und die Ausgaben im X11-Fenster auf dem Atari haben - es sieht dann so aus, als laufe Netscape direkt auf dem Atari. Dafür zuständig ist die Variable "DISPLAY". Sie wird einfach auf <X11-Server-IP>:0.0 gestellt. Laufen Anwendung und Server auf demselben Rechner, muss "0:0.0" als Wert für DISPLAY gesetzt werden, normalerweise stellt man diesen Standardwert über die mint.cnf ein.

Für die Profis unter den MiNT-Be-nutzern ist es ganz einfach möglich, auf diese Weise X11-Ausgaben von entfernt gestarteten Applikationen auf den Atari umzulenken. Nötig ist nur eine aufgebaute Verbindung zu dem anderen Rechner, auf dem man sich per ssh oder telnet einloggt. Dort wird die Variable "DISPLAY" auf die IP des Ataris (mit ":0.0" dahinter) dahinter gestellt und die X11-Anwendung gestartet (vorausgesetzt der X11 -Server wurde vorher auf dem Atari gestartet!).

Um vernünftig mit dem Server und den Anwendungen arbeiten zu können, sind noch einige Dinge nützlich (aber nicht unbedingt erforderlich). Folgende Verzeichnisse und Links sollten angelegt werden:

Verzeichnis: /var/lib/Xapp/
Verzeichnis: /etc/X11 /app-defaults/
Link: /usr/X11 R6/lib/X11 /app-defaults-> /etc/X11 /app-defaults/
Link: /usr/X11 -> X11 R6/

Um die VDI-Fonts benutzen zu können, muss der Server alle VDI-Fonts einlesen und "übersetzen". Diese Daten werden beim ersten Start angelegt und in einer Datei gespeichert, um folgende Server-Starts zu beschleunigen. Der X11-Server verwendet dafür alle verfügbaren Vektor- und Bitmap-Fonts. X11-Anwendungen suchen mit bestimmten Mustern nach passenden Fonts; für den Fall, dass diese nicht vorhanden sind, liest der Server eine Alias-Datei aus, die der Benutzer per Hand anlegen muss. Wie dies funktioniert ist etwas komplizierter zu beschreiben, es steht aber ausführlich in der (englischen) Anleitung.

Zum Schluss fehlt noch MiNTnet bzw. tiny-sock. Wer MiNTnet installiert hat, sollte sicher gehen, dass die Version seines sockdev.xdd mindestens 1.5.1 hat, da in dieser Version einige wichtige Bugfixes für den betrieb des X11 -Servers vorgenommen wurden. Diese Mindestversion von sockdev.xdd ist auch einzeln unter [1] erhältlich.

Wer kein MiNTnet installiert hat, packt das tiny-sock aus und installiert es. Das Ganze beschränkt sich auf das Anlegen eines Verzeichnisses und das Kopieren zweier Dateien sowie einiger neuer Zeilen in der mint.cnf.

Weiterhin befindet sich unter [1] noch ein Archiv mit einigen für den X11 -Server nützlichen Fonts für NVDI. Diese sollten auch installiert werden.

Am besten starten Sie Ihren Rechner jetzt neu, um sicher zu gehen, dass die Environnement-Variable auch systemweit gesetzt ist, das (minimal) MiNTnet richtig läuft und die neuen Fonts verfügbar sind. Dann kann es auch schon losgehen.

Benutzung: Ganz einfach

Doppelklick auf X.APP oder in der Shell (z.B. Bash) "X.APP" eingeben, schon wird der X11-Server gestartet. Der erste Start dauert einige Zeit, da erstmal die Fonts gesichtet werden. Diese Infos speichert der Server in einer Datei. Beim zweiten Start geht es dann schnell. Jetzt können (am besten über die Bash) beliebige X-Applikationen gestartet werden, wie z.B. eine Uhr oder ein Taschenrechner. Natürlich gibt es auch aufwendigere Anwendungen für den X-Server, diese sind aber noch rar, da der X11-Server für GEM noch recht jung und in einem frühen Entwicklungsstadium ist. Erwähnt seien hier:

Fazit

Der X-Server ist einfach zu benutzen und sollte auch MiNT-Anfänger nicht vor allzu große Probleme stellen. An passenden Anwendungen mangelt es noch, der Server wird aber ständig weiterentwickelt und optimiert, vor allem beim Fensteraufbau wird sich in Sachen Geschwindigkeit noch einiges tun.

[1] http://x11.freemint.de

[2] wh58-508.st.uni-magdeburg.de/sparemint/

: Benjamin Kirchheim
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