Schröttle-Shell: Unix? Macht nix!

Die Schröttle-Shell vermittelt einen Einblick in die höheren Weihen der Unix-Welt.

Besitzen Sie zufällig einen Unix-Computer und möchten Ihren ST daran als Terminal betreiben? Nein — macht nichts! Vielleicht müssen Sie sich aus beruflichen Gründen mit Unix vertraut machen? Oder wünschen ganz einfach für das tägliche Programmieren und Arbeiten am ST eine effektive und schnelle Hilfe für diverse Probleme und Problemchen auf Betriebssystemebene? Hier verspricht die Schröttle-Unix-Shell für den Atari ST Hilfe. Sie ist der Unix-Borne-Shell nachempfunden und steht als Accessory zur Verfügung. Dadurch ist sie nicht nur vom Desktop verfügbar, sondern von jeder GEM-Anwendung, die Accessories zuläßt.

Die Shell bietet alle Grundfunktionen, die zum Arbeiten mit dem ST notwendig sind. Das umfaßt die Anzeige von Directories, das Kopieren, Verschieben und Löschen von Dateien, Anlegen von Ordnern sowie das Starten von Programmen. Alle diese Kommandos besitzen eine Reihe zusätzlicher Parameter. So erlaubt das Kommando »LS« zum Anzeigen der Directories nicht nur die vier vom Atari-Desktop gewohnten Modi (ordne nach Name, Datum, Größe oder Art), sondern bietet weitere. Dies sind beispielsweise die unsortierte Ausgabe, also die Reihenfolge, in der sich die Dateien physikalisch auf der Diskette befinden (um z.B. die Reihenfolge der Programme im AUTO-Ordner zu kontrollieren), oder die Ausgabe bestimmter Dateitypen.

Schröttle-Shell beherrscht vollständig die hilfreiche Umlenkung der Ausgaben in eine Datei oder auf ein anderes Ausgabegerät als den Bildschirm. So druckt die Befehlsfolge »cat -hp *.c > prn:« alle Dateien mit der Kennung ».c« auf dem Drucker, gibt vor jeder Datei den Dateinamen in unterstrichener Schriftart aus und führt am Ende jeder Datei einen Seitenvorschub zur nächsten Seite aus. Man erhält so ein sauber formatiertes Listing seiner Dateien.

Zusätzlich zu den herkömmlichen Kommandos gibt es eine Vielzahl weiterer Befehle, die sich jedoch erst sinnvoll in Batchdateien anwenden lassen. Batchdateien enthalten mehrere Befehle, die die jeweilige Shell alle der Reihe nach abarbeitet. Allerdings ist »der Reihe nach« im vorliegenden Fall nicht mehr ganz zutreffend, denn es lassen sich auch Schleifenkonstruktionen programmieren. Weiterhin erlaubt diese Shell »If..Else..Endif«-Konstruktionen mit entsprechenden Verzweigungen. Auch das bei vielen Programmierern so beliebte »Goto« fehlt nicht. Dabei stehen bis zu zehn Variablen zur Verfügung. Ein folgendes einfaches Beispiel gibt die Werte 0 bis 9 auf dem Bildschirm aus:

set i=0
while test '$i' -ne 10 
    echo $i 
    expr i + 1 
done

Ein anderes Beispiel zeigt, wie komplex die Anweisungen in einer solchen Batchdatei sein dürfen:

for i in $* 
    if test -e $src\$i.c 
        echo compile $src\$i.c 
        cc /c $src\$i.c 
    else
        if test -e $asm\$i.s 
            echo assemble $asm\$i.s 
            masm $asm\$i.s 
        else
            echo file $i not found 
        endif 
    endif 
done

Zusätzlich zu den normalen Batchdateien, die mit ihrem Namen wie ein Befehl aufzurufen sind, ist auch ein automatischer Aufruf beim Starten der Shell vorgesehen. Mit dieser Auto-Batchdatei gestalten Sie Ihre Shell nach eigenen Wünschen. Dazu zählt beispielsweise die Wahl des Promptzeichens, das zur Kommando-Eingabe auffordert, die Bildschirmfarbe oder sogar der verwendete Zeichensatz.

Neben den Batchdateien ist vorgesehen, Befehle per »Alias« umzubenennen oder häufig benötigte Kommandos auf Funktionstasten zu legen. Sehr hilfreich ist auch, daß die Schröttle-Shell die letzten zehn Befehle in einer Tabelle mitführt. Oft sind es dumme Tippfehler in einer längeren Befehlssequenz, die der Computer postwendend mit einer Fehlermeldung beantwortet. Jetzt tippen Sie nicht die vollständige Befehlsfolge neu ein, sondern holen sich den Aufruf aus der Tabelle und korrigieren lediglich den Fehler. Ein weiteres Feature ist ein integrierter VT52-Emulator, der sich voll über die Shell konfigurieren läßt.

Bei diesem umfangreichen Befehlsvorrat der Shell ist jedoch die »Help«-Funktion recht dürftig ausgefallen.

Außer die vorhandenen Befehlsworte in einer (wahllosen) Folge aufzulisten, gibt die Help-Funktion keinerlei weitere Auskunft über deren Benutzung. Das Handbuch hilft hier weiter, wobei man hier wohl besser von Anleitung als Handbuch spricht. Das bezieht sich allerdings nur auf den äußeren Umfang und keinesfalls auf den Inhalt, der sehr gut gelungen ist.

Trotz dieser kleinen Einschränkung ist die Shell allen zu empfehlen, die lieber per Tastatur mit ihrem Computer kommunizieren oder des öfteren gleichartige und längere Prozesse ausführen, wie das Compilieren und Linken größerer Software-Projekte. Hier liegt der eindeutige Vorteil dieser Shell. (wk)

Computer Mai, Weißenburger Platz 1, 8000 München 80

Wertung

Name: Schröttle-Shell V 4.2
Preis: 99 Mark
Hersteller: Computer Mai

Stärken:
? umfangreicher Befehlsvorrat ? als Accessory ? gute Anleitung

Schwächen:
? etwas dürftige Help-Funktion

Fazit:
Empfehlenswerte Shell für alle, die eine Unix-Umgebung benötigen. Besonders für Programmierer geeignet.


Jürgen Kriege
Links

Copyright-Bestimmungen: siehe Über diese Seite
Classic Computer Magazines
[ Join Now | Ring Hub | Random | << Prev | Next >> ]