Von weißen Kragen, Raubkopien und Gendarmen: Staatsanwaltschaft erhebt Klage gegen G-Data

Das Originalprogramm Chess wurde nur retuschiert in Deep Thought. Die angekündigten Verbesserungen fehlen.

Wie im Aktuell-Teil der letzten Ausgabe bereits kurz gemeldet, durchsuchte die Kriminalpolizei Herne nach mehrmonatigen Ermittlungen am 19.4.1989 die Firmenräume der unter dem Namen »G-Data« auftretenden Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Die Durchsuchung steht im Zusammenhang mit einer Anzeige, die das Essener Entwicklerhaus »Galactic« am 14.2.1989 gegen seinen ehemaligen Vertriebspartner G-Data erstattet hat (Aktenzeichen 39 Js 170/89, Amtsgericht Bochum).

In der Anzeige wirft Galactic G-Data vor, unerlaubt Kopien eines Schachprogramms angefertigt und verkauft zu haben, an dem Galactic das Copyright besitzt. Aufgrund dieser Vorwürfe leitete die Staatsanwaltschaft Bochum gegen den Inhaber der Firma G-Data, Kai Figge, ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen Paragraph 106 des Urheberrechts ein. Zur Zeit stehen den 21 von Galactic an G-Data gelieferten »Chess«-Programmen nachweislich eine vielfache Anzahl von G-Data verkaufter Duplikate des Chess-Programms gegenüber. Darunter sind Kopien mit mehrfach doppelten und von Galactic nie gelieferten Seriennummern. Nach Aussagen der Ermittlungsbehörden ist in den durchgesehenen G-Data-Geschäfts-unterlagen kein einziges verkauftes Chess-Programm vermerkt. Ende Mai übergab die Staatsanwaltschaft den Fall dem Schöffengericht Bochum zur Anklage-Erhebung.

Phantome

Wie die Hausdurchsuchung zeigte, existieren G-Datas Virenexperten, die angeblich ausschließlich an der Weiterentwicklung des Anti-Viren-Kits arbeiten, ebensowenig, wie der vorgebliche G-Data-Mitarbeiter Bernd Hoffmann. Er sei, so ergaben die polizeilichen Ermittlungen, »eine von G-Data erfundene Fantasiefigur, die für ungesetzliche Tätigkeiten vorgeschoben wurde«. Motto: Wir waren es nicht, Herr Hoffmann hat sich darum gekümmert. G-Datas Haltung gegenüber dem ST-Magazin: Herr Hoffmann existiert, sei momentan aber nicht verfügbar. Auf Nachfrage wurden wir auf einen späteren Termin verwiesen, zu dem Hoffmann dann ebenfalls nicht zu erreichen war. In einer dem ST-Magazin vorliegenden Unterlassungserklärung der Anwälte G-Datas vom 29.5.1989, deren Unterzeichnung Galactic zurückwies, war von der Person Bernd Hoffmann dann auch keine Rede mehr.

Erste geschäftliche Kontakte ergeben sich Ende 1987, als G-Data den Vertrieb von Galactics Chess-Programm (Version 1.1) übernimmt. Galactic liefert an G-Data Disketten mit Programmen, auf denen Seriennummern installiert sind. Die Seriennummern werden auf den Lieferscheinen festgehalten. Eine Vervielfältigungs-Genehmigung besitzt G-Data laut Galactic nicht. Entgegen hoher prognostizierter Stückzahlen verkaufter Chess-Spiele, nimmt G-Data bis zum 30.4.1988 lediglich fünf Exemplare ab. Erst Ende Mai 1988 bestellt G-Data weitere fünf Stück, die Galactic am 1.6.1988 liefert. Aufgrund der »enttäuschenden Umsatzsituation von Chess« entzieht Galactic dann in einem Schreiben vom 4.7.1988 den »lieben Geschäftsfreunden« aus Bochum das Vertriebsrecht für Chess zum 1.8.1988. Drei Tage vor der Deadline schreibt G-Data seine Chess-Kunden im Rahmen einer »Update«-Aktion an: »... Wir bitten Sie daher, uns Ihre Originaldiskette zusammen mit der Originalrechnung« einzusenden. Unterzeichner: Bernd Hoffmann.

Gleiches Programm, doppelter Preis

Mitte August erhalten die Teilnehmer des Updates eine vermeintlich neue Version von Chess mit dem Beinamen »Deep Thought extended«, obwohl Galactic in einer Anzeige der August-Ausgabe von ST-Computer eine Rückrufaktion »wegen Vertriebswechsels« startete. Laut Aussage des G-Data-Geschäftsführer Figge vom 3. Juni 1989 handelt es sich bei dem G-Data-Update um ein »gegenüber der Version 1.1 wesentlich verbessertes Programm«, das einen fast doppelt so hohen Verkaufspreis rechtfertigt (129 anstelle der ursprünglichen 69 Mark). Tatsächlich zeigt ein byteweiser Vergleich, daß die neue Version von Chess bei gleicher Seriennummer absolut identisch mit der Version 1.1. ist. Lediglich die Copyright-Meldung des Resource-Files weist eine Änderung auf. Die Kunden erhielten also kein Update, sondern die gleiche, zu diesem Zeitpunkt veraltete Version 1.1.

Andreas Kraft Unterzeichnete in Anzeigen als Mitglied des G-Data-Teams, verteilte Visitenkarten, die ihn als G-Data-Mitglied erscheinen ließen. Heute dementiert er vehement seine Zugehörigkeit. Welchen Grund hat diese Vorspiegelung falscher Tatsachen?

Obwohl ohne offizielles Vertriebsrecht, bewirbt G-Data das Chess-Programm in den folgenden Monaten unverdrossen weiter. Anfang Januar 1989 bestellt Galactic dann über einen Strohmann sechs Exemplare von Chess, von denen G-Data 14 Tage später zwei ausliefert. Beide sind identisch mit der Version 1.1, beide tragen Seriennummern, die Galactic nie installiert hat. Laut Frank Dörnenburg, Mitgesellschafter von Galactic, lassen sich die Seriennummern nur mit einem Spezialprogramm und einer dazugehörigen Codierungsdatei erzeugen. Einmal installiert, sei die nachträgliche Änderung der Seriennummer nicht möglich.

Die Weitergabe des Installationsprogramms stand laut Galactic zu keinem Zeitpunkt zur Diskussion. Wie Kai Figge gegenüber dem ST-Magazin betont, befand sich das Installations-Programm zu keinem Zeitpunkt in Besitz von G-Data. Anfang Februar kann Galactic mehrere von G-Data gelieferte Chess-Programme mit doppelter Seriennummer nachweisen und erstattet Anzeige.

Gegendarstellung

  1. Unrichtig ist zunächst, daß Herr Figge und ich Inhaber der Firma G-Data seien. Tatsächlich war ich zu keinem Zeitpunkt Inhaber, Mitgesellschafter oder Angestellter der Firma G-Data. Wahr ist, daß ich Inhaber oder Gesellschafter mehrerer Firmen bin, wobei auch eine dieser Firmen Zulieferer der Firma G-Data ist.
  2. Unrichtig ist ferner die Behauptung, am 19.4.1989 habe in meinen Privat- sowie Firmenräumen eine Hausdurchsuchung stattgefunden. Tatsächlich hat in meinen Privat- sowie Firmenräumen zu keinem Zeitpunkt eine Hausdurchsuchung stattgefunden.
  3. Unwahr ist schließlich die Behauptung, daß das von uns entwickelte und unter dem Namen Anti Viren Kit von G-Data vertriebenene Computerprogramm einen Virus nicht erkennt, der von den Virenkillern »Sagrotan« und »VDU« unschädlich gemacht werden könne. Richtig ist, daß es sich bei dem ausgemachten Bootsektor um einen Virenschutz handelt, der von unserem Programm Anti Viren Kit aufgebracht wird, und von den Virenkillern »Sagrotan« und »VDU« fälschlicherweise als Virus gemeldet wird. Tatsächlich erkennt unser Programm, das unter dem Namen Anti Viren Kit von G-Data vertrieben wird, sämtliche bekannten Viren und vernichtet diese.

Herne, den 28.06.1989 Andreas Kraft

Gegendarstellung

In der Zeitschrift »ST-Magazin«, Ausgabe Juli 1989, ist auf Seite 6 ein Beitrag unter der Überschrift »Ermittlungen gegen G-DATA« enthalten, der unrichtige Behauptungen enthält, die ich wie folgt richtig-steile:

  1. Unrichtig ist zunächst, daß Herr Andreas Kraft und ich Inhaber der Firma G-DATA seien. Wahr ist, daß allein ich, Kai Figge, Inhaber der Firma G-DATA bin.
  2. Unrichtig ist ferner die Behauptung, am 19.04.1989 habe — auch — in meinen Privaträumen eine Hausdurchsuchung stattgefunden. Tatsächlich hat in meinen Privaträumen zu keinem Zeitpunkt eine Hausdurchsuchung stattgefunden.
  3. Unwahr ist schließlich die Behauptung, auf von uns vertriebenen Computer-Programmen befinde sich ein Virus, den unser Anti-Viren-Kit nicht feststellt, der jedoch von den Virenkillern »Sagrotan« oder »VDU« unschädlich gemacht werden könne. Tatsächlich ist es so, daß unser Anti-Viren-Kit sämtliche bekannten Viren erkennt.
    Bochum, den 27.06.1989
    Kai Figge

Nach einem Testkauf der Kripo Herne, bei dem G-Data am 13.4.1989 eine von Galactic nie installierte Chess-Kopie mit doppelter Seriennummer liefert, erfolgt am 19.4.1989 die Hausdurchsuchung. Nach dem Abschluß ihrer Ermittlungen übergibt die Staatsanwaltschaft dem Schöffengericht Bochum Ende Mai den Fall zur Anklageerhebung.

Offenbar im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung der beiden Firmen sind einige bisher ungeklärte Vorkommnisse zu sehen: Am 21.5.89 erhält Galactic-Gesellschafter Dörnenburg gegen 23:10 Uhr den Anruf einer Person, die sich als »Koslowski, Staatsanwaltschaft Bochum« ausgibt, »Im Rahmen der Ermittlungen in bezug auf G-Data hätten sich Umstände ergeben«, so Koslowski, »die eine Festsetzung der Herren Figge, Kraft und Lüning erfordere. Kraft und Lüning sind bereits in U-Haft, Figge ist flüchtig«. Ob Galactic bekannt sei, wo sich Herr Figge aufhalte, will der angebliche Staatsanwalt von Frank Dörnenburg wissen. Dörnenburg, wegen der Uhrzeit mißtrauisch, gibt nur ausweichende Auskünfte und erkundigt sich im Anschluß an das Gespräch beim Polizeipräsidium Bochum nach dem angeblichen Staatsanwalt. Resultat: Ein Staatsanwalt Koslowski ist nicht bekannt, auch die Telefonnummer, die er Dörnenburg hinterließ, existiert nicht. Auch die Aussage, daß G-Data-Mitarbeiter oder Gesellschafter festgenommen wurden, ist falsch.

Am nächsten Morgen ruft der Geschäftsführer der Berliner Firma »Dataplay«, Herr Lange, bei Dörnenburg an. Lange berichtet im Laufe des Gesprächs, Kai Figge habe ihn kurz vor Geschäftsöffnung angerufen und gesagt, Galactic verbreite schlimme Behauptungen über sein Unternehmen. Figge habe ihn deshalb gebeten, so Lange, ein Telefonat mit Galactic zu führen und zur Aufnahme einer eidesstattlichen Versicherung über den Gesprächsinhalt einen weiteren Mitarbeiter in die Leitung einzuschalten. Nach dem Gespräch mit Frank Dörnenburg nahm Lange von dieser Erklärung Abstand. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft auch in dieser Angelegenheit wegen »unbefugten Tragens von Titeln« (AZ 6JS335/89). Wer der Absender des anonymen Telefax ist, das am 11.6.1989 bei Galactic einging, ist bis heute ungeklärt. Inhalt der Fernkopie: Ein Schreiben an das Kreiswehrersatzamt Essen, in dem der unbekannte Verfasser unzutreffend behauptet, Frank Dörnenburg sei wegen illegaler Manipulationen nicht zur Bundeswehr eingezogen worden.

Die Verbindungen zwischen Kraft und G-Data sind enger als sie erscheinen sollen. Beispiel: Die »State of Art Musiksysteme« hat ihren Sitz seit 19.12.88 unter der gleichen Adresse wie G-Data, in der Friedrich-der-Große-Straße 70, Herne. Auch die Telefonnummern sind gleich.

Weiteres Beispiel: Die Geschäftsführer der am 1.6.87 angemeldeten DDC Werbeagentur heißen Andreas Kraft und Kai Figge.

Eine von G-Data am 8.6.1989 erwirkte einstweilige Verfügung gegen Galactic hatte keine zwei Wochen Bestand: Das Landgericht Essen hob sie am 20.6.1989 wieder auf. Danach darf Galactic unter anderem weiterhin behaupten: »G-Data fertigte Raubkopien an«. (hb)

G-Data nimmt Stellung:

Das ST-Magazin sprach am 26. Juni mit Kai Figge, Geschäftsführer von G-Data, über die erhobenen Vorwürfe: Danach weist Kai Figge den Vorwurf der Raubkopiererei kategorisch zurück. Laut Figge habe Galactic ein von G-Data bereits beworbenes Produkt nicht fertig entwickelt. Bereits Mitte Januar 1988 habe Galactic G-Data deshalb als Ausgleich für die entstandenen Kosten mündlich angeboten, 120 Kopien von Chess anzufertigen. Die Kopien sollten aber in keinen Abrechnungen auftauchen, »um die Autoren um das Honorar zu betrügen«, so Figge. G-Data benutzte die im Januar gelieferten ersten fünf Exemplare von Chess als Kopiervorlage. Eine Kontrolle über die Anzahl der angefertigten Kopien hatte Galactic nicht. Alle verkauften Chess-Programme sind aber, so Figge, in G-Datas Buchführung ordnungsgemäß erfaßt.

Auch den Entzug des Vertriebsrechtes für Chess in einem Schreiben von Anfang Juli 1988 weist Figge zurück:

»Den Brief hat Galactic wohl erst im nachhinein geschrieben«. Daher führte G-Data Anfang August eine Update Aktion für die neue Version von Chess durch. Als sich Galactic weigerte, die neue Version von Chess an G-Data auszuliefern, bekamen die Update-Kunden das gleiche Programm zurückgeschickt, das sie zuvor eingeschickt hatten.


Tarik Ahmia
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