Soft-Story: GEM 2.2

Nachdem Atari das PC-GEM auf den neuen ST umsetzte, gingen Digital Research und Atari getrennte Wege. Doch die die niederländische Softwarefirma ABC wollte sich damit nicht abfinden und portierte GEM 2.2 auf den ST.

Die erste Version des GEM-Desktops erschien Anfang 1985, nur einen Monat nach der Ankündigung des Atari STs. GEM ähnelte der Oberfläche des Macintoshs und der Lisa, die Klage Apples folgte prompt. DR reagierte mit der Version 2 des Desktops, welcher nun zwei starre Fenster verwendete, auf einige Animationen verzichtete und ein anderes Icon für den Mülleimer verwendete. Programme konnten nach wie vor frei verschiebbare und skalierbare Fenster öffnen. Ähnliche Klagen reichte Apple gegen HP und Microsoft ein, nicht jedoch gegen Atari.

Das PC-GEM wurde mit einigen bekannten PCs ausgeliefert, darunter den PC-Clones von Atari und Amstrad. Ein großer Erfolg wurde GEM dennoch nicht, spätere Versionen wurden mit Anpassungen für einige bekannte Programme wie den Timeworks Publisher von GST veröffentlicht. DR arbeitete an einer Multitaskingversion von GEM, nach der Übernahme durch Novell wurde die GEM-Weiterentwicklung eingestellt. Schließlich landeten die Rechte an GEM bei Caldera, der Quelltext wurde unter die GPL gestellt.

Zurück zu Atari

ST-Besitzer hatten also keinen Grund, neidisch auf das PC-GEM zu blicken – dennoch entschloss sich ABC zu einer Portierung und setzte die Programme Paint, Write, Draw und Graph gleich mit um. Kunden konnten GEM 2.2 mit einer beliebigen Kombination aus dem Desktop und Anwendungsprogrammen erwerben. Unter dem Atari-GEM lief keines der Programme, GEM 2.2 ist also mehr, als ein alternativer Desktop.

Letzterer entspricht dem PC-Desktop, arbeitet also mit zwei starren Fenstern. Das Arbeiten mit diesen Fenstern ist für ST-Besitzer etwas gewöhnungsbedürftig, um ein Laufwerk auszuwählen, muss beispielsweise mit dem Schließen-Widget in das Wurzelverzeichnis gewechselt werden. Da das ABC GEM nicht im ROM liegt, sind zwei Laufwerke empfehlenswert.

Über den Desktop lassen sich beliebige Atari-Programme starten, interessanter sind aber die Anwendungen, die GEM 2.2 voraussetzen. Hier zeigt sich das eigentliche Problem von GEM 2.2: Es gab keine Unterstützung durch PC-Entwickler. Weder Artline noch den Ventura Publisher gab es für das ST-GEM 2.2, die von ABC portierten Programme sind zwar sauber in GEM eingebunden, konnten aber schon 1987/88 nicht die bereits für den ST verfügbaren Programme übertrumpfen: GEM Paint (einfaches Rastergrafik-Programm), GEM Draw Plus (Vektorgrafik), GEM Graph (Chartgrafik) und GEM WordChart (simples DTP-Programm). Alle vier Programme sind Teil der GEM-2.2-Demo, die auf den Disketten ST Vision 189 und 190 zu finden ist, im Test stürzten aber Draw Plus und WordChart ab. Die kommerzielle Version von GEM 2.2 ist verschollen – weder ist das Programm legal bei den verbliebenen Händlern zu finden, noch als Raubkopie.

EmuTOS

Die Demoversion von GEM Draw Plus stürzt leider beim Start ab.

PC-GEM wurde noch ein drittes Mal auf den ST umgesetzt – als Teil von EmuTOS. EmuTOS basiert nicht auf dem Quelltext von Ataris TOS, sondern auf den freigegebenen Quellen des PC-GEM. Der Desktop der ersten Versionen von EmuTOS entsprach daher dem PC-GEM, zwei starre Fenster inklusive. EmuTOS enthält allerdings nicht die Funktionen von GEM 2.2 und ist auch nicht mit den GEM-Applikationen von ABC kompatibel. Die aktuelle EmuTOS-Version besitzt hingegen einen Desktop mit flexiblen Fenstern, erreicht aber nicht den Komfort von TOS 2.0x.

Auf der PC-Seite wurde GEM von verschiedenen Personen als FreeGEM und OpenGEM weiterentwickelt. Mehrere Versionen existieren – einige mit 3D-Look, andere mit flexiblen Fenstern. Die Weiterentwicklung ruht allerdings seit ein paar Jahren.

GEM Paint wurde von ABC für GEM 2.2 portiert, taugt aber nicht als Kaufargument.
Die Voreinstellungen von GEM 2.2 in Niederländisch.
GEM fragt nach – Datei anzeigen oder ausdrucken?

Mia Jaap
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