Inside Falcon 030: Erste praktische Erfahrungen mit ATARIs jüngstem Kind

Da steht er nun, ATARIs neuer Rechner, genannt Falcon 030. Lange hat die eingeschworene Fan-Gemeinde auf das Gerät gewartet. Auf der ATARI-Messe bot sich zum ersten Mal Gelegenheit zum Handanlegen. Leider reicht die Zeit der Messe natürlich bei weitem nicht aus, um alle Feinheiten, die der neue Rechner zu bieten hat, herauszubekommen. Wir hatten eines der ersten Seriengeräte für längere Zeit bei uns in der Redaktion und können über erste Erfahrungen im Umgang mit dem Falcon 030 berichten.

Uns stand ein Falcon 030 mit 4 Megabyte RAM und 65 Megabyte Festplatte zur Verfügung. Er ist mit einem TOS der Version 4.0 ausgestattet. Insgesamt drei Monitor-Adapter und ein SCSI-Kabel liefert ATARI mit (ob dies auch bei der endgültigen Verkaufsversion der Fall sein wird, steht allerdings noch nicht fest). Jeweils ein Adapter für VGA- und einer für ATARI-Monitore (SC 1224, SC1435, SM124, SM144, SM 146) sind darunter. Ein Spezialkabel, das den Anschluß von Monitoren mit Stereo-Sound-Eingängen über Cinch-Buchsen erlaubt, komplettiert den Lieferumfang.

Zunächst fand ein ATARI-PTC-1426-Monitor am Falcon Anschluß. Dieses Gerät ist ein VGA-Monitor, der üblicherweise am TT verwendet wird. Die Bildqualität kann als gut, wenn auch nicht überragend bezeichnet werden. In den hohen Auflösungen (640 x 480 Pixel) stellte sich jedoch nach einiger Zeit ein leichtes horizontales Flimmern ein. Dieser Effekt war auch schon auf der ATARI-Messe zu beobachten. Der PTC-1426 scheint in diesen Auflösungen an den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit zu arbeiten. Erst ein Multiscan-Monitor (in diesem Fall ein Taxan Multivision 795) brachte diese Auflösungen mit hoher Brillanz und flimmerfrei auf die Mattscheibe. Anschließend haben wir noch einen SC 1224, sowie den guten alten SM124 am Falcon getestet. Ergebnis: beide Geräte arbeiten einwandfrei mit ATARIs Sprößling zusammen.

Welcher Monitor wofür?

Nicht alle Auflösungen lassen sich auf allen Monitoren darstellen. In Tabelle 1 und 2 können Sie erfahren, welche Videomodi mit welchem Monitor zu erreichen sind. Wohlgemerkt, wir konnten nur die Standard-Video-Modi testen, die über das Desktop umzuschalten sind. Die von Haus aus möglichen Overscan-Modi ließen sich mangels Software noch nicht begutachten. Allerdings befand sich auf der internen Festplatte eine farbenfrohe Demonstration, die den Falcon offensichtlich in den Overscan-Modus schaltet. Leider konnte nur der SC 1224 diese Demo einwandfrei darstellen. Alle anderen von uns getesteten Bildschirme (einschl. des Multiscan-Monitors) konnten das Bild dieser Demo nicht sauber synchronisieren.

Interessant ist, daß die vertikale Auflösung bei VGA-Monitoren entweder 240 oder 480, während sie bei RGB-Monitoren lediglich 200 oder 400 Zeilen beträgt. Immerhin sind mit einem RGB-Monitor oder Fernseher 640*400 (also die übliche ST-Hoch-Auflösung) in vollen 32768 Farben darstellbar, wenn auch nur interlaced. Bei den meisten gescannten Farbbildern fällt der Interlace-Modus nicht weiter ins Gewicht; ein Arbeiten mit dem Desktop wird allerdings durch die hohen Kontraste und die vielen horizontalen Linien zur Tortur.

Geschwindigkeit

Die Geschwindigkeit des Falcon 030 kann durch den 68030-Prozessor als sehr angenehm bezeichnet werden. Für die Bildschirmausgabe ist im wesentlichen der neue Blitter-Chip verantwortlich. Dieser läßt sich im Gegensatz zu seinem Vorgänger im Mega-ST bzw. Mega-STE nicht abschalten, dies ist aber auch nicht mehr notwendig. Besonders bei 256 bzw. 32768 Farben kommt der Blitter-Chip so richtig zum Einsatz. Scrollen und Verschieben von Fenstern geschieht mit sehr hoher Geschwindigkeit, wie man sie bisher nur von Grafikkarten mit eigenem Grafikprozessor kannte. ATARI hat das Bitmap-Format im 32768-Farben-Modus geändert. Hier findet nun das sogenannte Interleaved-Bitmap-Format Verwendung. Abweichend von den anderen Video-Modi wird die gesamte Farbinformation eines Pixels in einem 16Bit-Wort abgelegt. Während das Scollen von Bitplanes im alten Format immer etwas flackert, weil die Bitplanes einzeln verschoben werden, erscheint es im Interleaved-Format wesentlich sanfter und flackerfrei. Dieses neue Bitmap-Format bedingt natürlich auch erhebliche Änderungen im VDI. Software-Beschleuniger wie NVDI scheitern aus diesem Grund noch beim Falcon 030. Man kann aber davon ausgehen, daß eine Anpassung der Programme bald erfolgen wird. Wir haben den üblichen Quick-Index-Test in 16- und 256 Farben sowie in der ST-Hoch-Auflösung durchgeführt. Die Ergebnisse sehen Sie in Tabelle 3.

VGA bzw. Multiscan-Monitor (60Hz)

Farben 2 4 16 256 32768
640*480 + + + + -
640*240 + + + + -
320*480 - -t + + +
320*240 - + + + +

Tabelle 1

RGB-Monitor bzw. SCART/Fernseher (50Hz)

Farben 2 4 16 256 32768
640*400 +(i) +(i) +(i) +(i) +(i)
640*200 + + + + +
320*400 - +(i) +(i) +(i) +(i)
320*200 - + + + +

(i)=interlaced

Tabelle 2

Quick-Index 2.1

Videomode: ST-High VGA 16-Farben VGA 256-Farben
CPU memory 473 406 357
CPU register 402 402 298
CPU divide 502 502 500
CPU shifts 1708 1708 1708
TOS text 152 88 47
TOS String 146 97 59
TOS scroll 210 40 15
GEM dialog 192 153 114

Tabelle 3

Das Falcon-TOS

Auf der ATARI-Messe konnte man das Falcon-TOS erstmalig in Aktion sehen. Auch unser Testrechner war noch mit diesem Betriebssystem ausgestattet. Es trägt die Versionsnummer 4.0 mit dem Datum vom 11.08.1992. Das GEMDOS ist mit der Version 0.48, das AES mit 3.3 angegeben. Wie bei den STE- und TT-Computern befindet sich das Betriebssystem ab der Adresse SEOOOOO im ROM und hat eine Länge von 512 KB. Allerdings handelt es sich bei diesem TOS noch nicht um das vielzitierte MultiTOS, vielmehr ist es ein Singletasking-Betriebssystem, das offensichtlich auf dem TOS 3.06 des TTs aufbaut. Neu sind die farbigen Icons auf dem Desktop und 3D-Buttons in den Fensterelementen. in Alertboxen sowie im Standard-Fileselector. Allerdings sind noch kleine Fehler in den Zeichenroutinen sowie bei der Berechnung des Clippings in Fenstern zu erkennen. Dieses TOS wird also mit Sicherheit nicht die endgültige Version sein. Nach wie vor behauptet ATARI, daß der Falcon mit dem MultiTOS ausgeliefert werden soll. Davon ist allerdings im Moment noch nichts zu erkennen.

Der Kompatibilitätstest

Natürlich wollten wir wissen, was an ST/ TT-Software auf dem Falcon 030 läuft. Generell kann man sagen, daß auch hier der Grundsatz gilt: „saubere GEM-Programme laufen immer“. Aber selbst kritische Programme wie Signum !3 Color verrichten (bis 16 Farben) einwandfrei ihren Dienst. Auch GFA-BASIC in der Version 3.6 TT läuft (von kleinen Bildschirmfehlern abgesehen) ohne Probleme. Einzig die neuen Grafik-Modi mit 256 bzw. 32768 Farben bereiten einigen Programmen arge Kopfschmerzen. Das geänderte Bitmap-Format trägt das seinige dazu bei, daß des öfteren Bildschirmmüll zu sehen ist. Halten sich die Programme aber an die GEM-Richtlinien und geben nur per VDI auf den Bildschirm aus, gibt es keinerlei Ärger. Hier werden in Zukunft noch kräftige Anpassungen an die GEM-Richtlinien seitens der Entwickler stattfinden müssen.

Die Innereien

Wie sieht ein Falcon 030 von innen aus? Das fragten wir uns auch, und schraubten ihn kurzerhand auseinander. Wie schon vom 1040ST und-STE gewohnt, empfing uns eine schier undurchdringliche Panzerung aus Abschirmblechen. Warum ATARI hier nicht den vom Mega-STE und TT bewährten Abschirmlack eingesetzt hat, bleibt schleierhaft. Nach endloser Schrauberei (wir zählten fast 30 Schrauben) war der Blick auf die Falcon-Platine endlich frei. Wie Sie unschwer auf unserem Foto erkennen können, macht die Leiterplatte einen sehr aufgeräumten und fertig entwickelten Eindruck. An der Hardware wird ATARI also nicht mehr viel ändern. Das Gerät ist im Prinzip auslieferungsfertig. Besonderes Interesse erregte bei uns das TOS-ROM. Es befindet sich in einem einzigen 512 KB fassenden PLCC-EPROM, welches 16 Bit-weise organisiert ist.

Wann kommt er?

Im Moment beschäftigt uns und viele andere ATARI-Benutzer nur noch eine Frage: Wann ist der Falcon 030 in den Regalen der Händler? Erfreulicherweise wird auch eine große Kaufhauskette, die eigentlich schon Abschied von ATARI-Produkten genommen hatte, den neuen Rechner in ihren Vertrieb aufnehmen. Einzelne Vorführexemplare befinden sich zum Zeitpunkt der Drucklegung schon bei den Händlern. Dort kann man also bereits einen genaueren Blick auf die Maschine werfen. Wir gehen davon aus, daß, sobald das MultiTOS fertiggestellt ist, die Geräte in größeren Stückzahlen bei den Händlern eintreffen werden. Wahrscheinlich ist dies schon der Fall, wenn Sie diese Zeitschrift in den Händen halten.
Christian Möller



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