ATARI-Messen in England

center Am 26. und 27. April dieses Jahres fanden in England zwei lokale ATARI-Messen in Birmingham und London statt, die ich für Sie besucht habe, um zu erkunden, was sich denn in Bezug auf Hard- und Softwareentwicklung rund um den ATARI jenseits des Ärmelkanals tut.

Mitgebracht habe ich einige Impressionen der beiden Tage, wobei ich mich im wesentlichen auf die Vorstellung derjenigen Produkte beschränken möchte, die tatsächlich in England entwickelt werden. Um es zu vereinfachen, beschränke ich mich trotz der Tatsache, dass es zwei Messen waren, auf den Singular. Schließlich waren die Veranstaltungen identisch.

Um es vorwegzunehmen:

Die englischen Veranstaltungen sind in keinen Vergleich mit hiesigen Messen zu setzen. Beide Veranstaltungsräume waren rund 350 Quadratmeter groß und beherbergten gut 20 Aussteller, die die Chance nutzten, ihre Neuentwicklungen den rund 500 Besuchern vorzustellen.

Hierzu möchte ich anmerken, dass es dort derzeit keine wirklich große Publikumszeitschrift mehr gibt, da die letzten beiden Magazine sich in harten Zeiten gegenseitig ausgebootet haben, bis sie im vergangenen Jahr eingestellt werden mussten.

Ein neues, sich in der Aufbauphase befindendes Magazin ist die gelungene ATARI-Computing, die im Abstand von zwei Monaten an rund 1500 Leser versendet wird - Tendenz stark steigend. Um so höher sind die Besucherzahlen zu bewerten; kamen doch rund ein Drittel der Leser zu den beiden Messen - eine dritte Messe in Glasgow fand erst Mitte Mai statt.

center Bleiben wir bei der ATARI-Computing, denn ihre Entstehungs- und Überlebensgeschichte ist kurios: Das Vermächtnis der letzten ATARI-Magazine Englands war, massiv Werbung für die ATARI-Messen vergangenen Jahres zu machen. Zwischen der Einstellung der Hefte und der Herbstmesse lagen gut zwei Monate, die das neue Redaktionsteam rund um Joe Connor nutzte, um mit geringstem Budget ein komplett neues Werk zu schaffen. Die Erstauflage wurde ausverkauft, und es konnten auf Anhieb mehr als 600 Abonnenten gewonnen werden!

Heute hat sich das Heft zu einer informativen und gut gelungenen Lektüre der englischen ATARI-Fans gemausert.

"Im Grunde genommen arbeiten wir noch fast ehrenamtlich, wenngleich wir langsam aber sicher in die Gewinnzone gelangen. Das Heft wird in unserer Freizeit erstellt, da wir alle aus wirtschaftlichen Gründen weiterhin unseren Berufen nachgehen müssen. Das finanzielle Überleben haben wir u.a. auch unseren Autoren zu verdanken, die ihre Beiträge kostenlos leisten. Sie wissen, dass es sonst keine ATARI-Fachzeitschrift geben kann, und sie sind stolz darauf, einen wichtigen Beitrag zum Erhalt des Marktes zu leisten und ihr Können vielen hundert Anwendern zugänglich zu machen", so Joe Connor, Mitbegründer und Chefredakteur der ATARI-Computing.

Titan Designs

Die Firma Titan Designs dürfte einigen Falcon-Anwendern unter Ihnen ein Begriff sein, denn aus diesem Hause (manchmal auch unter "Black Scorpion Software" firmierend) stammt das umfangreiche Grafikprogramm Apex Media. Nachdem sich Compo-Software nicht mehr um den Vertrieb und Support des Programmes kümmerte, musste der Eindruck entstehen, Apex Media sei eingestellt - doch weit gefehlt: Inzwischen ist eine Version 2.2 verfügbar.

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Hier ein kleiner Vorgeschmack auf das brandneue APEX Alpha, das schon In wenigen Tagen lieferbar sein wird.

Den Schritt in die professionelle Bildbearbeitung macht "Apex Alpha", das auf der Messe in einem fortgeschrittenen Stadium vorgestellt wurde. Mit Hilfe der DSP-Unterstützung gelingt es, nahezu alle Funktionen in Echtzeit zu bedienen. So wird ohne Ruckeln und lange Rechenzeiten in ein Bild hineingezoomt, Farbwertänderungen werden parallel zur Datenmodifikation sichtbar UVM.

Mit Hilfe einer Digitizer-Karte ist es möglich, gleichzeitig ein Video in Echtzeit einzublenden und einzelne Bilder des Filmes in der Bildbearbeitung zu verwerten.

Mit der Nemesis-Grafikerweiterung, die der Speed-Resolution-Card ähnlich ist, können Bilder mit bis zu 720x528 Pixeln in True-Color dargestellt werden.

Beide Programme unterstützen den Afterburner und werden in absehbarer Zeit von deutschen Distributoren auch hierzulande angeboten.

Wer seinen Computer aufrüsten wollte, war bei der Firma "The UpgradeShop" bestens aufgehoben. Hier wurden neben Host-Adaptoren und HDKits für Diskettenlaufwerke auch Gehäuse angeboten.

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Meterweise Spiele für ATARI-Computer-Systeme. Sowohl Klassiker als auch brandneue Titel wurden hier zu super Preisen angeboten.

16/32bit-Systems haben wir schon auf unseren Messen kennengelernt. Dort machte sich die Firma mit dem Vertrieb von Spielen für nahezu alle ATARI- Systeme einen guten Namen. Aber was wir in England zu sehen bekamen, übertraf unsere Erwartungen: Beim Heimspiel der Briten wurden mehrere Kubikmeter originalverpackter Spiele aufgefahren. Beim Anblick der Verpackungen konnte Nostagie pur aufkommen: Von Populous 1 & 2, über Kick Off, Stuntcar-Racer bis zu Adventures wie King's Quest 1-3, Loom und Space Quest wurde nahezu alles geboten. Insgesamt mehr als 100 verschiedene ST-Spiele sowie alle Neuerscheinungen und nahezu jedes Jaguar- und Falcon-Spiel konnte hier erworben werden. Kein Wunder also, dass 16/32-bit Systems sogar 500 Kunden aus Deutschland hat, die Dank der Europäischen Wirtschaftsunion problemlos über die Landesgrenzen hinweg beliefert werden können.

Sunrise Audio Systems stellten erstmals die "Sunrise Audio Workstation" einem größeren Publikum vor. Hierbei handelt es sich um einen musikalischen Alleskönner auf Basis des Falcon.
Dieses Harddiskrecording-Gerät, das in einem zweistöckigem 19"-Rackgehäuse geliefert wird, wurde mit Hinblick auf Studiomusiker konzipiert und vereint sämtliche wichtigen Komponenten wie z.B. 8 Audio- Ein- und Ausgänge (6,3 mm Klinke), vier MIDI -Out-Ports (plus 1 x MIDI-IN und 1 x MIDI-Thru), optionale SPDIF-Anschlüsse, einen CD-Recorder sowie interne SCSI-Anschlussmöglichkeiten.

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Die Sunrise-Audio-Workstation, eine echte Harddiscrecording-Workstation auf Basis des Falcon.

Die verwendeten Komponenten bestehen größtenteils aus den Einzelelementen der Firma SoundPool, wobei das Wichtigste sicherlich die kompakte Bauweise sein dürfte, die ein mobiles Harddiskrecording-Studio auch für Live-Aufnahmen bietet. Im Lieferumfang enthalten ist Steinbergs Cubase Audio.

Das gesamte System lief auf der Messe auch unter Verwendung eines Afterburners. Ein Preis stand aber leider noch nicht fest.

Electronic Cow - ein wahrhaft lustiger Name für eine Softwareschmiede, die Musikprogramme aller Art vertreibt. Auf der Messe wurden drei sehr interessante Programme vorgestellt: Sound Chip Synth ist ein echter Synthesizer für alle ATARI-Rechner, der die Fähigkeiten des FM-Soundchip zur Emulation eines Mono-Synthesizers nutzt. Diverse Einstellungen erlauben das Arbeiten wie an einem echten Synthesizer, wobei der ST von außen wie ein Instrument via MIDI angesteuert werden kann.

Hinzu kommt die Möglichkeit, einen kreierten Sound als Sample zu exportieren, um diesen in einem eigenen Sampler weiterzuverarbeiten.

Ebenfalls ein hervorragendes Programm ist der MIDI-Arpeggiator, der das Erstellen automatischer ArpeggioSequenzen ermöglicht. Diese können schließlich als MIDI-File exportiert und in eigene Songs eingebaut werden. Alternativ fungiert das Programm auch als MIDI-Sequenzer.

Snippit Synth ist eine Software, die auf der Granular-Synthese basiert.

Hierbei werden extrem kurze "AudioSchnipsel" durch die Modifikation der Frequenz, Länge und Tonhöhe in bis zu 12 Sekunden lange Synthie-Samples gewandelt. Es stehen eine Fülle von Editierungsmöglichkeiten zur Verfügung. Samplegenaues Arbeiten ermöglicht die Online-Waveform-Darstellung. Das Programm beherrscht die Exportformate AVR, AIFF oder SPL.

Alle drei hier vorgestellten Programme laufen auf dem ATARI ST/e unter 640x400 Bildpunkten in der Monochromauflösung und kosten durchschnittlich 30,- bis 50,- DM.

FloppyShop ist ein bekannter Softwareversender, der größtenteils schön verpackte PD- und Shareware-Pakete anbot. Darüber hinaus wird in diesem Hause auch das umfangreiche Grafikprogramm "Image Copy" vertrieben, das in absehbarer Zeit auch in Deutschland erhältlich sein wird. Am zweiten Tag der Messe wurde auf dem Stand von FloppyShop eine mehr oder weniger merkwürdige CD-ROM "aus dem Ärmel gezaubert", die auf der Messe ihre Premiere feierte. Auf den ersten Blick schien diese aber zumindest größtenteils mit Bildern und Sounds gefüllt zu sein. Uns wird aber sicherlich schon bald die Möglichkeit eines objektiven Tests geboten.

Der Portfollo-Club-UK ist nahezu gleichzeitig mit dem deutschen PofoClub entstanden und vereint nun ebenfalls gut 150 Mitglieder, die in dem Club eine Anlaufstelle für technische Fragen etc. finden. Darüber hinaus konnten hier nahezu alle verfügbaren Zubehörteile sowie originalverpackte neue Portfolios erworben werden.

HiSoft, das langjährige Traditionshaus, zeigte sich ebenfalls von einer gesunden Seite – anders als ich es befürchtet hatte. So wurde die englische Version von papyrus 5 bereits in einer schönen Vierfarb-Verpackung samt englischer Anleitung präsentiert. Ebenso wichtig aber waren die eigenen Produkte, mit denen sich HiSoft in den vergangenen Jahren auch über die Grenzen Englands hinweg einen guten Namen gemacht hat: HiSoft-Basic und TruePaint.

Eine echte Messeneuheit war das TCP/IC Stack von Oregon-Research namens Termite TCP. Hierbei handelt es sich um ein zu 80% in Assembler geschriebenes TCP-Stack-Programm, das laut Herstellerangaben absolut "idiotensicher" zu bedienen, extrem schnell und dabei nur 200 KB groß ist. Wir werden sicherlich in einer der kommenden Ausgaben mehr darüber berichten.

Image Applications ist der englische Vertrieb von Calamus, dem mächtigen Satz- und Layout-Tool. Hier konnten sich die interessierten Kunden über sämtliche Neuerungen der 96er-Version informieren und beraten lassen.

Größter Aussteller der Messe war die Firma System Solutions, die bereits seit Jahren einen ähnlichen Status hat wie hierzulande etwa ASH. Nicht weiter verwunderlich also, dass System Solutions auch die bekannten ASH-Produkte wie z.B. ArtWorx, CAB 2.0 und Texel unter seine Fittiche genommen hat. Die brandneue englische Version der Tabellenkalkulation wurde übrigens vom deutschen Programmierer Thomas Much vor Ort vorgestellt.

Neben diesen Programmen vertreibt System Solutions aber auch sämtliche Produkte der SoundPool-Palette sowie nahezu alles, was mit dem Thema Fest- und Wechselplattensysteme für ATARI-Computer zu tun hat.

Die Firma Goodmann, Veranstalter der Messe, ist ein typischer Vertreter der Sparte "PD-Vertrieb".

Hier konnten die Kunden gut sortierte PD-Software auf einer Präsentationsfläche von rund 5 Metern Länge erwerben. Wie intensiv sich die Firma Goodmann mit diesem Thema auseinander setzt, ist z.B. daran zu erkennen, dass rechtzeitig zur Messe der ausführliche und umfangreiche PD-Katalog im DIN A4-Format mit vielen hundert zum Teil brandneuen Programmen zur Messe veröffentlicht und zum Preis von ca. 8,- DM vertrieben wurde. Soweit ich ersehen konnte, ist das Angebot sicherlich auch für Anwender aus Deutschland interessant, zumal es hierzulande kaum so gut gepflegte und archivierte PD-Serien mehr gibt.

Ich selbst habe hier einen original ATARI-Taschenrechner für meine kleine Sammlung erworben.

Neben diesen gewerblichen Unternehmen stellten auch zwei Demo-Crews sowie die Herausgeber der ATARI Times, einem Freeware-Diskettenmagazin, ihre Tätigkeiten auf dem ATARI-Sektor vor.

Fazit

Was während der Veranstaltungen deutlich wurde, ist die Tatsache, dass sich der englische und der deutsche ATARI-Markt in den vergangenen Jahren z.T. in unterschiedliche Richtungen entwickelt haben.

Während sich in Deutschland z.B. die CD-ROMs als Datenträger bei vielen Anwendern durchgesetzt haben und somit auch ein gutes Angebot an Silberscheiben hierzulande erschienen ist, hinken die Engländer diesem Segment noch hinterher. Hier haben der PD-Sektor und die klassische Softwareprogrammierung noch das Sagen.

So erinnere ich mich gerne an den Moment, als ein Vertreter der Toronto-ATARI- User-Group aus Kanada sprachlos vor einem Berg deutscher CD-ROMs stehen blieb und den Aussteller um die Erlaubnis bat, ein Foto machen zu dürfen, um seinen Kameraden zeigen zu können, welch riesige Mengen an CD-ROMs es für ATARI-Rechner am anderen Ende der Welt schon gibt. Er war so sehr darüber verwundert, dass er immer wieder zu diesem Stand kam, um sich den CD-Berg anzusehen und freudig lächelnd davor zu verweilen.

Während meines Aufenthaltes habe ich viele interessante Gespräche geführt und dabei festgestellt, dass die Breitschaft, sich für den ATARI-Markt zu engagieren, sehr groß ist, wissentlich, dass ein finanzieller Erfolg fraglich ist. Ebenso erfreulich ist die Aufgeschlossenheit, mit der man mir in Bezug auf die mögliche Zusammenarbeit mit deutschen Händlern und den damit verbundenen Im- und Export von ATARI-Software begegnete.

Aus eben diesem Grunde veröffentlichen wir im Zuge dieses Artikels auch viele relevante Adressen. Vielleicht hat der eine oder andere Händler Lust bekommen, sich um die Anpassung und den Vertrieb englischer Software zu kümmern. Vielleicht haben Sie selbst aber auch beschlossen, das eine oder andere Produkt direkt in England zu erwerben.

Mit Sicherheit werden wir einigen der hier vorgestellten Firmen auch auf der "Internationalen ATARI-Messe'97" begegnen.


Ali Goukassian
Aus: ST-Computer 06 / 1997, Seite 10

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