Retro-Talk: Winnie Förster im Gespräch

Das Golden Age der Videospiele.

Das Interview führte Wolfgang Meck.

Winnie Förster ist ehemaliger Redakteur der Zeitschriften Power Play und Video Games. Im Dezember hat ein ein Buch über Spielkonsolen und Heimcomputer veröffentlicht.

Wie kamst Du eigentlich auf die Idee, Anfang der großen Zeit der 8-Bit Computer und Konsolen mit der Power Play ein Computer Games Magazin auf den Markt zu bringen?

Anfang der „großen Zeit der 8-Bit-Computer und Konsolen" habe ich noch die Schulbank gedrückt und keine Idee ein Computer-Magazin auf den Markt zu bringen. Dieser Lorbeer gebührt anderen.

Kurz nach meinem Abitur wurde Powerplay vom Beiheft der Happy Computer zum eigenständigen Monatsmagazin befördert und redaktionell aufgestockt. Volker Weitz und ich waren die beiden ersten Redakteure, die der damalige Chefredakteur Anatol Locker für die monatliche Power Play anstellte. Was mich betrifft war es Zufall, dass mir die „Redakteur Gesucht!"-Anzeige in die Hände fiel. Eigentlich wollte ich nur die Mittagspause eines Zivildienst-Arbeitstages überbrücken und habe mir deshalb zum ersten Mal eine Powerplay gekauft, dort am Wettbewerb zum „besten Spielekenner" teilgenommen (erfolglos), gleichzeitig aber auch die Stellenanzeige beantwortet. Da ich mich für kein Studium entscheiden konnte, bin ich dann statt an die Uni in die Powerplay-Katakom-ben abgewandert.

Was machen eigentlich die ganzen anderen aus dieser Redaktion heute?

Soweit ich weiß sind alle noch in der Industrie: Mein erster Boss Anatol ist Chef der Bravo Screenfun, auch die Ex-Powerplayler Volker Weitz und Knut Gollert sitzen in dieser Redaktion. Martin Gaksch und der Video-Games-Redakteur Andreas Knauf sind Geschäftsführer der Cybermedia GmbH. Powerplay-Gründer Heinrich Lehnhardt lebt und arbeitet als Spiele-Journalist in Kanada. Boris Schneider ist Xbox-Pressechef bei Microsoft.

Hast Du mit denen noch Kontakt?

Ja. Regelmäßig was meine Cybermedia-Mitgesellschafter Martin Gaksch und Andreas Knauf angeht, unregelmäßig in Bezug auf Heini, Boris und Anatol.

Erzähle mal etwas über Dich was Du in den letzten Jahren alles so noch gemacht hast außer die Power Play und Video Games.

Für Martin Gaksch, Andreas Knauf, Ingo Zaborowski und für mich endete die Markt & Technik-Zeit 1993, als wir unseren Arbeitgeber verließen, um mit Cybermedia einen eigenen Fachverlag für elektronische Unterhaltung zu gründen. Die ersten Manlac-Jahre waren hart, das Heft nach vier Jahren jedoch so erfolgreich, dass wir uns mit der PC-Xtreme sogar eine Bauchlandung im PC-Magazin-Bereich leisten konnten. Das Magazin selbst war nicht schlecht, ohne CD aber chancenlos gegen PC Player, PC Games und PC Action. Das damals gegründete PCX-Forum existiert heute noch.

Und warum wurde eigentlich dieses so erfolgreiche Magazin eingestellt?

Powerplay wurde Schritt für Schritt heruntergewirtschaftet, wobei der Abstieg meiner Ansicht nach mit der Umstellung vom Multi-Format-Magazin (Amiga, PC, Sega, Nintendo) auf Single-Format (nur PC-Spiele) begann. Danach wurde das Heft mehrmals verkauft, landete (ebenso wie PC Player) schließlich im Besitz der englischen Future-Gruppe, die das Konzept ein letztes mal völlig planlos änderte und schließlich alle Hefte abwickelte. Game Over für Powerplay, Video Games und PC Player...

War die Konkurrenz so stark oder war einfach die Luft bei Dir und den anderen raus?

Als die oben genannten Personen Markt & Technik bzw. Powerplay und Video Games verließen, war die beiden Hefte noch erfolgreich, erinnere ich mich recht, sogar Marktführer. Wir waren jedoch der Meinung, dass man einige Sachen besser und effektiver machen könnte, als es im Großverlag Markt & Technik AG geschah. Mit Manlac realisierten wir unsere Ideen in Bezug auf Konzeption und Redaktion, Produktion und Vermarktung, wobei die Verkaufszahlen während der ersten 18 Monate ziemlich katastrophal waren. Mit Video Games, Fun Generation und Mega Fun hatten wir gleich drei Multiformat-Videospielhefte vor der Nase. Zwischen 1996 und 1998 sind wir dann hintereinander an allen vorbeigezogen.

Findest Du das die Spiele früher besser waren?

Nein. Egal was Du mit „früher" meinst, zu jeder Zeit müssen sich die Spieler aus einem Haufen Schrott wenige Juwelen zusammen klauben. Für mich war die Amiga-Zeit spielemäßig so enttäuschend, dass ich mich zwischen 1988 und 1990 fast gar nicht mehr mit Computern und Konsolen beschäftigte. Erst Spiele wie Lemmings und Populous brachten den Spaß zurück. Ungefähr zu dieser Zeit wurde ich von der Powerplay-Redaktion auch mit dem PC-Engine- und Mega-Drive-Virus infiziert. Zurück zu Deiner Frage: Egal ob Du Atari VCS, C 64 oder Super Famicom betrachtest: Auf 10 Prozent Klasse kommen 60 Prozent Mittelmaß und 30 Prozent unspielbarer Bodensatz.

Oder spielst Du auch hin und wieder 3D-Games wie zum Beispiel die beliebten 3D-Ego-Shooter?

Klar spiele ich 3D-Egoshooter. Ehrlich gesagt spiele ich fast nur neue Spiele, in den letzten 18 Monaten Mario Sunshine, Pikmin und diverse Resident Evil, Max Payne, Halo und Mechwarrior, Burnout und Gran Turismo. Davor hatte ich einen kurzen Flirt mit dem Dreamcast: Die Sega-Spiele des ersten Dreamcast-Jahres ließen mich kalt, erst mit Smilebit Jet Set Radio und 100 Sword wanderte die Konsole vom Büro in mein Wohnzimmer. Viel Spaß hatte ich auch mit Virtual Tennis, das optimale Update zu Ataris Realsport Tennis oder dem japanischen Final Match.

Auf der Playstation 2 laufen bei mir alte und neue Sachen bunt gemischt, unter anderem habe ich 2002 regelmäßig die Kochsimulation Ore No Ryori und den brillanten 90er-Jahre-Shooter R-Type Delta eingeworfen.

Wenn man von einem gelegentlichen Bomberman absieht (gute Game-Boy-Advance-Version!), habe ich eigentlich nur wegen meinem Buch wieder Retro gezockt. Unwirtschaftlich lange bin ich an Ultima III, Lode Runner und Manie Miner, Lemmings, Blood Mo-ney und dem Advance Military Commander hängen geblieben. Auch Pitfall, das ich 1982 nicht besonders mochte, ist eigentlich ganz cool.

Du hast ja vor ein paar Wochen ein tolles Buch rausgebracht. Wie lange war den die Zeit bist Du alle Fakten zusammen getragen hattest?

Für Unterhaltungsmedien und besonders für Computer- und Videospiele interessiere ich mich schon seit der Kindheit und habe als Schüler regelmäßige „Weltreisen" nach London unternommen, wo ich dann tagelang zwischen dem ersten Games Workshop und Forbidden Planet hin- und hermarschiert bin. Einmal hatte ich ein Mädel dabei -- ist mir nach einem Tag verloren gegangen. Dafür brachte ich 10 Kilo Rollen- und Computer-Spiele, Comics und Bücher nach Hause.

Das Thema recherchiere ich seit damals, mit den Vorbereitungen für das Buch habe ich Ende 2001 begonnen, ab Sommer dann fast ausschließlich an der „Gameplan-Bibel" gearbeitet; die letzten vier Wochen ungefähr 25 Stunden am Tag.

Du hast bestimmt eine großen Aufwand betrieben. Und bestimmt liegen bei Dir einige Perlen an Geräten herum?

Als Sammler habe ich mich eigentlich nie betrachtet, bin es dann aber um 2000 wohl doch geworden (seufzt). Echte Perlen gibt's bei mir nicht, dafür ist mein Archiv schön übersichtlich: Für das Buch musste ich von jeder Geräte-Familie zumindest das Ur-Modell erwerben, an den Nachfolgern habe ich nur in Ausnahmefällen Interesse - selten war ein Hardware-Update wirklich besser als der Vorgänger, betrachtet man Neo Geo CD, Atari VCS jr. oder Atari XE (sogar schwächer). Meine Lieblingsgeräte sind die praktischen Teile: PC Engine GT und Duo, der Schlepptop 64 SX, Mega Drive und Super Famicom.

Die meisten Sammlungen, durch die ich während der Arbeit an meinem Buch gestolpert bin, sind doppelt und dreimal so groß wie meine, in eigenen Immobilien untergebracht und sechsstellig versichert. Schockierend, wie viele Hardware-Kenner und -Liebhaber in Deutschland unterwegs sind.

Welches ist Dein absolutes Lieblingsspiel?

Ein „absolutes" gibt es nicht, ich würde eher hundert, als ein Spiel auf die einsame Insel mitnehmen. Die meisten davon habe ich bereits genannt. Dazu kommen Galaga, das englische Elite, Final Fantasy Tactics, Beatmania und sicherlich auch ein paar Ego-Shooter. Counterstrike -- falls auf der einsamen Insel noch andere PC-User gestrandet sind.

Wie sieht es mit Emulatoren aus. Hast Du welche?

Emulatoren waren für die Erstellung pixelidentischer Bildschirmfotos für das Buch unerlässlich. Als Hobby oder Freizeitbeschäftigung interessieren mich Emulatoren jedoch nicht. Von Automaten abgesehen, spiele ich lieber auf der Original-Hardware. Außerdem sind Sofa-Sessions mit Freunden nicht drin - Emus sind ein einsames Vergnügen. Nur am Mame-„Bombjack" bin ich mehrere Tage lang hängen geblieben.

Mit was für einem System arbeitest Du jetzt im Moment gerade?

Du fragst nach meiner Büroaustattung, nicht nach dem Wohnzimmer-Equipment? Ich arbeite in einem heterogenen Netz (vier PCs, ein Mac), an dem auch spezielle Hardware für RGB-Bildschirmfotos hängt, dazu Digitalvideo- und Foto-Kameras, Scanner und Co.

Hast Du auch eine Konsole wie eine Playstation 2 oder Xbox?

Ja, jeweils drei. Kein Snobismus, sondern Notwendigkeit da ich meine Geräte ungern mit einem Mod-Chip bestücke, auf Kopien, nicht jedoch auf japanische und amerikanische Spiele verzichte. Gamecubes habe ich nur zwei -- einen mit Wolfsoft-Kippschalter für den Wechsel zwischen US- und Japan-Software.

Hast Du auch noch eine Retro Konsole oder einen Computer aus dieser Zeit?

Ja. Wie oben beschrieben fast alle. Neuzugänge sind die japanischen Master System Vorläufer Sega SC-1000 und Mark III.

Was denkst Du wo wird die Reise bei den Spielen hingehen? Noch mehr 3D, immer bessere Hardware?

Beides korrekt. Interessant ist die Frage ob es noch einen Evolutionssprung wie von 16-Bit und 2D (Mega Drive, Super NES) auf 32-Bit und 3D (Playstation) geben wird. Eventuell übernimmt die Vernetzung die Aufgabe, das Videospiel zu reformieren. Counterstrike, aber auch die Multiplayer-Online-Roleplaying-Games (MORPCs) repräsentieren zwei Ansätze, an die in den 80er-Jahren nur wenige Menschen dachten.

In Bezug auf 3D ist das Ende der Fahnenstange bald erreicht, viel mehr Details und Bewegung lässt sich kaum mehr auf eine Mattscheibe bringen (oder vom Spielerauge wahrnehmen). Ich erwarte, dass auf die Suche nach dem absolut realistischen Spielerlebnis eine Reaktion in Form un- oder surrealistisch gerenderter Spiele folgt. In dieser Beziehung war „Jet Set Radio" revolutionär: Formen, Farbübergänge und Schatten waren bewusst vereinfacht und abstrakt gehalten. Auch Segas „Rez" ist nicht nur spielerisch, sondern auch optisch ungewöhnlich, weil es blanke Vektoren und Flat Shading auf den Bildschirm zurückbringt und auf Texturen verzichtet. Generell sind japanische Entwickler eher bereit, vom Super-Realismus abzulassen und Spiele mit simpler Grafik umzusetzen; für bestimmte Genres ist 2D besser geeignet. Wie gut der Verzicht auf Details und Farben funktioniert zeigen zum Beispiel die VR-Missions von „Metal Gear Solid".

Wie findest Du die ganzen Netzwerkspiele?

Siehe oben. Wobei ich so unterschiedliche Genres wie Clan-Shooter und Online-Rollenspiele, Renn-Simulationen und Strategieduelle nicht als „ganze Netzwerkspiele" zusammenfassen würde. Den Link-Modus einiger Playstation-Spiele finde ich brillant, für eine LAN-Party bin ich immer zu haben.

Was machst Du sonst noch wenn Du nicht gerade solche Bücher schreibst?

Das hättest Du mich vor der Arbeit am Buch fragen sollen... Wenn ich mich recht erinnere, habe ich eine (schwerpunktmäßig weibliche) Familie, einen See vor der Haustür (im Winter eher reizlos), zwei ungesehene Miyazaki-DVDs und Kleingeld zum Schafkopfen in der Tasche. Schafkopfen? Bayerisches Skat für Vier, kein Reizen, aber variantenreicheres Spiel. Anderen Extremsportarten fröne ich nicht, stc

Mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Meck.



Aus: ST-Computer 01 / 2003, Seite 12

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