Atari Portfolio - Der kleinste PC der Welt



Der Atari Portfolio in Originalgröße. Der vollwertige PC ist etwas schmaler als eine DIN-A4-Seite.

Er braucht kaum mehr Platz als ein Portemonnaie, ist aber dennoch ein vollwertiger PC: der Atari Portfolio.

Die Gespräche über den Atari Portfolio beginnen allesamt gleich: "Das soll ein PC sein?" ist nämlich stets die erste Frage. Jawohl, es ist einer — obwohl er zugeklappt wie ein Zirkelkasten und geöffnet wie ein Taschenrechner aussieht.

Das mattschwarze Kästchen bringt gerade 500 Gramm auf die Waage, seine Plastikwände bergen einen 80c88-Prozessor und das Betriebssystem MS-DOS. Ein flaches LC-Display, drei Mignon-Zellen und eine abgespeckte Tastatur komplettieren den kleinsten PC der Welt. Mit 128 KByte Speicher, 256 KByte ROM. 4,97-MHz-Taktfrequenz und fünf eingebauten Programmen bietet er sogar bessere technische Werte als der originale IBM-PC aus dem Jahr 1983, der 64 KByte Hauptspeicher und eine Taktfrequenz von 4,77 MHz besaß. Und dabei ist der Portfolio so klein, daß man im Gehäuse des Originals mühelos 52 seinesgleichen unterbringen könnte.

Um die Power eines PCs inklusive Bildschirm und Laufwerk in ein Hartplastik-Gehäuse mit den Abmessungen 20cmx 10 cm x 2,5 cm zu packen, verwendet Atari einige Tricks. So besitzt der Portfolio keinen vollständigen Bildschirm, der — wie bei MDA-Darstellung üblich — 80 Zeichen und 25 Zeilen anzeigen kann. Sein ein cm dickes LC-Display stellt statt dessen nur einen Ausschnitt von 40 Zeichen auf acht Zeilen dar. Die Punktmatrix, aus der die Buchstaben zusammengesetzt werden, beträgt 8x8 Pixel — Unterlängen inklusive. Buchstaben wie "j” und "g" rücken also unnatürlich nach oben, da sie mit der gleichen Höhe von acht Bildpunkten auskommen müssen wie die anderen Buchstaben auch. Die Zeichen erscheinen in gut lesbarem Schwarz auf grünem Grund. Da Atari auf ein hintergrundbeleuchtetes LCD (siehe Seite 106) verzichtet hat, sind die Buchstaben auf dem Display bei schlechten Lichtverhältnissen nur schwer zu entziffern.

Anstelle der herkömmlichen 5,25-Zoll- oder 3,5-Zoll-Laufwerke verwendet der Portfolio Chipkarten. Sie sehen wie Scheckkarten mit Anschlüssen aus und werden in den schmalen Schlitz an der linken Seite des Portfolio-Gehäuses gesteckt. Die Karten enthalten eingeschweißte RAM-Chips mit 32,64 oder 128 KByte Kapazität. Eine flache, in die Karte integrierte Lithium-Batterie versorgt sie mit Strom, damit nach dem Herausziehen die gespeicherten Daten nicht verlorengehen. Neben den RAM-Karten, die beliebig oft beschrieben und gelöscht werden können, gibt es ROM-Karten, die zwar nur einmal beschrieben werden können, dafür aber diese Daten auch ohne Batterie dauerhaft behalten.

Intern verwaltet der Portfolio die RAM-Karten wie Laufwerke. Sein eigener Arbeitsspeicher, der mit einer Erweiterungskarte auf 640 KByte aufgestockt werden kann, dient mit einer ständig eingerichteten RAM-Disk als Laufwerk "c:". Der Speicher ist batteriegepuffert. Die Daten gehen auch dann nicht verloren, wenn man die Batterien wechseln muß. Selbst wenn man den Portfolio ausschaltet, versorgen also seine drei 1,5-Volt-Mignon-Zellen den Hauptspeicher mit Strom.


An der linken Gehäuseseite, neben dem runden Stecker für das Netzteil, befindet sich der Schlitz für die Speicherkarten.

Das 256 KByte umfassende ROM enthält neben einer speziellen Version von MS-DOS 2.11 fünf fertige Programme und einige externe DOS-Befehle, wie etwa das Format-Kommando zum Formatieren der RAM-Karten. Man kann nur das im ROM gespeicherte DOS verwenden, weil ausschließlich diese modifizierte Version die Besonderheiten des Portfolio fehlerfrei unterstützt.

So ist beispielsweise das Programm "Keygbr" nicht nötig, um die deutsche Tastaturbelegung einzustellen. Nach dem ersten Einschalten fragt der Portfolio, welche Sprache man wünscht: Deutsch, Englisch oder Französisch. Hat man sich für eine Sprache entschieden, steht die Einstellung von nun an bei jedem Einschalten zur Verfügung. Der Portfolio zeigt dann nicht nur deutsche Umlaute auf dem Bildschirm an, sondern auch alle Texte und Fehlermeldungen erscheinen in Deutsch. Mit dem System-Programm im ROM kann man die gewünschte Sprache jederzeit neu bestimmen.


Kleiner geht's nicht: Die 5,25-Zoll-Diskette ist zwei Zentimeter höher als der aufgeklappte Portfolio

Das Portfolio-Betriebssystem, das sogenannte DIPDOS, ist MS-DOS-kompatibel und steckt voller komfortabler Neuheiten. Will man den Portfolio beispielsweise ausschalten, gibt man einfach den neuen DOS-Befehl "Off” ein oder drückt eine spezielle Tastenkombination. Zum Starten genügt sogar ein beliebiger Tastendruck. Da der Speicher nicht gelöscht wird, steht auf dem Bildschirm das gleiche Bild wie vor dem Ausschalten. Der Portfolio schaltet sich übrigens nach drei Minuten selbst ab, falls währenddessen keine Taste gedrückt wurde. Beim nächsten Tastendruck sieht der Bildschirm wieder aus wie zuvor. Nützlich ist auch der neue Befehl ’’Help>”: Er zeigt alle Kommandos im ROM an.

Die fünf Programme im ROM bieten alles, was Geschäftsreisende tagtäglich brauchen und sich von einem portablen Computer wünschen. Der Terminkalender besitzt beispielsweise eine Alarm-Funktion, die sich auf Wunsch mehrmals am Tag meldet. Möchte man das Flugzeug um 12 Uhr nicht verpassen, erinnert das Programm um 10 Uhr daran, daß es Zeit ist, ein Taxi zu rufen. Der Portfolio beginnt zu piepsen und zeigt die Nachricht in einem Fenster auf dem Bildschirm — und das tut er sogar dann, wenn er abgeschaltet ist. Die batteriegepufferte Echtzeituhr macht’s möglich. Als Wecker eignet sich der Portfolio aber nur bedingt, weil der Warnton relativ leise ist.

Die Tabellenkalkulation des Portfolio bietet umfangreiche Funktionen. Sie ist kompatibel zu Lotus 1-2-3 und kann dessen Dateien weiterverarbeiten, da sie alle mathematischen Funktionen beherrscht. Man kann also auf dem Büro-PC eine Kalkulation vorbereiten, diese Datei dann auf den Portfolio übertragen und unterwegs die letzten Zahlen ergänzen. Umgekehrt lassen sich auch die gespeicherten Daten zu Hause weiterbearbeiten.

Es gibt zwei Wege, um Dateien zwischen PC und Portfolio zu übertragen. Zum einen kann man die Daten über ein Kabel direkt von Computer zu Computer schicken. Die nötige Hardware — ein paralleles Kabel für knapp 100 Mark und ein serielles Kabel für 170 Mark — soll laut Atari bald überall erhältlich sein. Die Software für den PC wird mitgeliefert, während das Übertragungsprogramm für den Portfolio, das den 30poligen Erweiterungsbus an der rechten Gehäuseseite steuert, bereits im ROM gespeichert ist.

Die andere Methode für den Datentransfer: Atari plant, ein spezielles Laufwerk für PCs herauszubringen, das die Chipkarten des Portfolio lesen und beschreiben kann.


Die 30polige Schnittstelle an seiner rechten Gehäuseseite ist die Verbindung des Portfolio zur Außenwelt

Für den Datentransfer zwischen den einzelnen Programmen des Portfolio sorgt das sogenannte "Clipboard". Es kann jederzeit mit aufgerufen werden und kopiert den aktuellen Bildschirminhalt oder einen Teil davon in eine eigene Datei. Die Kopie kann man dann über das Clipboard in einem anderen Programm weiterverwenden. Beim Löschen und Kopieren muß man übrigens keine Angst vor Datenverlust haben. Der Portfolio löscht Daten nicht sofort, sondern speichert alles in einer gesonderten Datei. Erst wenn die Datei voll ist, werden die ersten Einträge gelöscht, um Platz zu schaffen. Mit der Taste kann man alle gelöschten Daten zurückholen, auch wenn das schon Tage zurückliegt.

Wichtig für Reisende ist das Adreßbuch, in dem man Namen, Anschriften und Telefonnummern speichern kann. Das Programm zeigt stets eine alphabetisch sortierte Liste aller Einträge. Mit < RETURN > erscheinen die Adresse und alle dazugehörigen Anmerkungen zum jeweiligen Namen. Leider nur in Amerika möglich ist das automatische Wählen der Telefonnummern. In den USA wenden die Telefongesellschaften nämlich ein Verfahren an, das sich "Touch Tone" nennt. Jeder Ziffer von ”0” bis "9" entspricht ein bestimmter Ton. Tonfolgen interpretiert der Telefoncomputer als Nummer. Man muß nur die gewünschte Telefonnummer aus dem Adreßbuch auswählen und den Telefonhörer an den Lautsprecher des Portfolio halten; der stellt dann die Verbindung her, als hätte man die Nummer per Hand gewählt.

Der Taschenrechner und die Textverarbeitung besitzen keine spektakulären Funktionen, erfüllen aber ihren Zweck, für schnelle Notizen oder Berechnungen etwa. Gegen größere Projekte spricht nicht nur der aufs Nötigste beschränkte Funktionsumfang der Programme, sondern auch die Tastengröße: Zum flüssigen Tippen sind sie viel zu klein.

Um Platz zu sparen, hat der Portfolio nur 69 Tasten, 20 weniger als ein herkömmlicher PC. Damit die kleine Tastatur trotzdem in allen Belangen wie ihr großes Vorbild funktioniert, sind die Plastikkappen, die sich unter der Spitze eines Zeigefingers verstecken könnten, doppelt und dreifach belegt. Der numerische Tastenblock, der üblicherweise rechts außen liegt, teilt sich mitten auf der Tastatur den Platz mit einigen Buchstabentasten.


Das LC-Display stellt nur 40 Zeichen pro Zeile dar — 80 Zeichen sind üblich

Kommentar: MS-DOS auf Abwegen

Die Erfinder des Portfolio sind nicht nur gute Ingenieure, sondern auch Marketing-Spezialisten. Denn der kleinste PC der Welt ist zwar eine technische Meisterleistung, aber eigentlich nur ein Werbegag. Denn warum sonst ist der Portfolio MS-DOS-kompati-bel? Soll auf dem Winzling von Bildschirm irgendwer tatsächlich Word verwenden oder Windows? Oder Framework? Oder die Nor-ton-Utilities? So nett die Funktion auch ist, niemand braucht sie.

Der Portfolio eignet sich wunderbar, um unterwegs

Notizen zu machen, rasch etwas zu berechnen und Termine in Erinnerung zu behalten. Doch dazu langt die eingebaute Software, man braucht keine zusätzlichen MS-DOS-Programme. Daten-Kompatibilität ist ebenfalls nicht wichtig, weil die Dateien ohnehin erst aufwendig auf die Chipkarten konvertiert oder direkt übertragen werden müssen. Statt des umständlichen MS-DOS wäre also ein eigenes, einfacher zu bedienendes Betriebssystem für den Anwender vorteilhafter.

Gregor Neumann

Zwei zusätzliche Tasten — eine mit dem roten Atari-Symbol und eine blaue mit der Beschriftung ’TN" für "Funktion" — sind der Schlüssel, um die Buchstaben-Tasten in der neuen Bedeutung zu verwenden. Wie bei einem Hewlett-Packard-Taschenrechner zeigt die Farbe des Zeichens auf der Tastatur, welche Sondertaste man drücken muß, um es auf den Bildschirm zu bringen. Durch diesen Trick täuscht der Portfolio eine große Tastatur vor. Das Programm im Speicher glaubt, die Funktionstaste 1 sei betätigt worden, wenn man die blaue "FN"-Taste und gleichzeitig die ’T" drückt.

Sehr praktisch ist die "Capslock" -Taste belegt, die bei anderen PCs eine permanent gedrückte SHIFT-Taste simuliert, so daß beim Tippen nur Großbuchstaben erscheinen.

Drückt man sie beim Portfolio, erscheinen auf dem Bildschirm das Datum, die Uhrzeit und Angaben darüber, welche Tastenmodi (wie etwa Numlock) aktiviert sind. Die Statuszeile erscheint nur auf DOS-Ebene (wenn Programme laufen, hat sie die ursprüngliche Wirkung) und verschwindet spurlos, sobald man die Taste wieder losläßt.

Um Tasten zu sparen, haben auch die Cursortasten eine besondere Funktion. Bei gedrückter Atari-Taste stellt man mit ihnen den Kontrast des Displays ein.

Der Portfolio ist ein technisches Kabinettstück. Auf kleinstem Raum vereinigt er so wichtige Funktionen wie den Terminkalender, die Text Verarbeitung oder die Tabellenkalkulation, so daß er auf Reisen ein nützlicher Helfer sein kann. Da der 800 Mark teure Computer gleichzeitig ein MS-DOS-kompatibler PC ist, kann man viele Programme, die man zu Hause auf dem Computer einsetzt, auch auf dem Portfolio verwenden. Sein Besitzer muß natürlich bereit sein, in puncto Komfort Kompromisse zu machen, weil Tastatur und Display kein dauerhaftes Arbeiten erlauben. gn

Auf einen Blick
ComputerAtari Portfolio
Hersteller/ VertriebAtari
Preis in Mark800
Ausstattung
Prozessor80c88
Massenspeicher
FormatChipkarten
Kapazitätbis 128 KByte
Speicher
Kapazität128 KByte
Taktrate4,93 MHz
Akkugepufferte Uhr
Schnittstelleneigen
GrafikkarteMDA
Tastatur
Typeigen
Zahl der Tasten69
Handbuch
Ausführungenglisch
Umfang235 Seiten

Preisangaben beruhen ouf Informationen der Hersteller/ Vertriebe und enthalten die gesetzliche Mehrwertsteuer. Marktpreise können abweichen
gn



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