Atari-Messe '89 in Düsseldorf: Rendezvous am Rhein

Drei Tage lang war Düsseldorf das Zentrum der Atari-Welt. Die rund 35000 Besucher konnten zum ersten Mal einen Blick auf Ataris neuen Luxus-Computer der ST-Klasse werfen: den 'Atari TT" mit schnellem 32-Bit-Prozessor.

Auf Zehenspitzen mußte sich stellen, wer einen Blick auf den Renner dieser Messe, den neuen Atari-Luxuscomputer werfen wollte, denn der "TT" Stand war ständig von zahlreichen Besuchern umlagert. Überhaupt ging es auf der dritten Atari-Messe vom 25. bis 27. August in Düsseldorf sehr eng zu: Die rund 35000 Atari-Fans mußten oft sehr lange Schlange stehen, um die neuen Produkte zu sehen. Dabei richtete sich das Interesse des Publikums vorwiegend auf professionelle Anwendungen wie DTP (Desktop Publishing), CAD (Computer Aided Design) und Meßtechnik.

Mit lautstarken, futuristischen Klängen machten die Messestände mit den MIDI-Anwendungen auf sich aufmerksam. Jimmy Hotz, der Keyboarder der Popgruppe Fleetwood Mac, zeigte hier ein neues, von ihm entwickeltes MIDI-Keyboard: die sogenannte Hotz-Box.

Die meistbestaunte Neuigkeit aber war der Atari TT.

Für einen Computer seiner Leistungsklasse ist der Neue sehr zierlich. Atari-untypisch: Die Festplatte ist direkt im Computergehäuse integriert. Seine technischen Daten in Kürze: schneller 32-Bit-Prozessor 68030 mit 16 MHz Taktfrequenz, Sockel für mathematischen Coprozessor. 2 MByte großer Arbeitsspeicher, 30-MByte-Festplatte, VME-Schnittstelle für Erweiterungen (Industrie-Standard im Minicomputer- und Workstationbereich, entwickelt von Digital Equipment), 70-Hz-Farbmonitor für ein flimmerfreies Bild (mit VGA-ähnlichen Eigenschaften) und TOS 030 als Betriebssystem. In dieser kompletten Ausstattung kostet der Atari TT nur rund 6500 Mark. Ebenso attraktiv wie der Preis ist die Bildschirmauflösung dieses Power-Computers: in der höchsten Auflösung 1280 x 960 Pixel.

Zwar war der TT auf der Messe noch mit dem herkömmlichen Betriebssystem TOS ausgestattet. Die ausgelieferten Serien-TTs werden aber noch wesentlich schneller sein, da erst mit dem neuen, speziell auf den 68030 zugeschnittenen Betriebssystem "TOS 030" die komplette Rechenpower des Prozessors genutzt werden kann. Dennoch liefen GEM-Anwendungsprogramme wie Calamus oder Adimens ST bereits mit der zwei- bis dreifachen Geschwindigkeit gegenüber der eines Mega ST — so schnell ist der neue TT. Die ersten TTs sollen bereits im Herbst dieses Jahres erhältlich sein.

Ataris zweite Neuheit, der STE, zeigt sich im gewohnten Design eines 1040 ST. So lautet die korrekte Typenbezeichnung denn auch 1040 STE, wobei das E für die erweiterte Grafikfähigkeit steht. Einen ausführlichen Bericht über Ataris jüngste Entwicklung finden Sie auf Seite 28 in dieser Ausgabe.

Bereits auf der vergangenen CeBIT-Messe hatte Atari den ST-Laptop "Stacy" vorgestellt. Jetzt bestätigte die Geschäftsleitung, daß der Stacy im Herbst dieses Jahres ausgeliefert werden wird. Das Gerät hat die Leistung eines vollwertigen Atari ST mit 1 MByte großem Arbeitsspeicher, eingebautem Laufwerk und Trackball als Maus-Ersatz. Der Laptop kann mindestens fünf Stunden netzunabhängig funktionieren und kostet voraussichtlich rund 4000 Mark.

Besonderes Interesse zog Atari-Präsident Sam Tramiel auf sich, der erstmals in Deutschland das "Portable Color Entertainment System", eine Spielekonsole von Atari, zeigte. Bei jedem Spiel versammelte sich eine große Menge interessierter Zuschauer um das Gerät. Es ist nur rund 26 x 10 Zentimeter groß und bietet einen Farb-LC-Bildschirm, der 16 aus 4096 Farben in einer Auflösung von 160 x 102 Pixel darstellen kann. Die Spiele gibt es in Form von sogenannten "Game-Cards", die man einfach in das Gerät steckt. Allerdings kommt dieses Taschenspiel erst im nächsten Jahr nach Deutschland. In Amerika wird das Spiel bereits für rund 150 US-Dollar verkauft, eine Game-Card kostet um die 35 US-Dollar.

Schon vergangenes Jahr hatte Atari die neue Version 1.4 des TOS angekündigt — bislang ohne Ergebnis. Auf der Messe fragten jetzt so viele Interessenten danach, daß Atari beschloß, die neue Version endlich auszuliefern. Das Betriebssystem besteht aus ROMs, die man anstatt der alten in die STs einsetzt. Der Preis liegt bei rund 150 Mark. Auch die Wechselfestplatte "Megafile 44" ist jetzt erhältlich, der Preis: rund 2500 Mark. Eine einzelne Platte kostet rund 300 Mark.

Im Software-Bereich gab es vor allem Desktop Publishing, CAD und Standardanwendungen wie Textverarbeitungen und Datenbanken zu sehen. Die Leistungsfähigkeit des STs als DTP-System demonstrierte ein Sonderstand: Mit Calamus, 19-Zoll-Monitor, Mega ST4 und Laserdrucker entstand jeden Tag eine Messezeitung. Mit Laserbelichter und Offset-Druckmaschine wurde die Zeitung dann gedruckt. Alwin Stumpf, Geschäftsführer von Atari Deutschland: "Einen großen Teil des Umsatzes macht Atari momentan mit dem Verkauf des DTP-Systems".

Vielschreiber müssen nicht mehr auf so ein umfassendes Textverarbeitungs-programm wie "Microsoft Word" für MS-DOS ausweichen, denn in Zukunft vertreibt Atari eines der leistungsfähigsten Textverarbeitungsprogramme, die es gibt: "WordPerfect 4.2" in der deutschen Version. Der Preis ist allerdings noch nicht bekannt.

Für Ataris kleinsten PC, den nur brieftaschengroßen "Portfolio", stellte die Firma Roda die erste Erweiterung vor. Das Gerät heißt "Profolio" und enthält ein 3,5-Zoll-Diskettenlaufwerk, Batteriepack, Schnittstellen und eine RAM-Erweiterung. Der Portfolio wird in eine Aussparung des Profolio-Gehäuses geschoben. Damit hat dann auch der Portfolio die Vorzüge eines ausgewachsenen PCs. Profolio soll Anfang nächsten Jahres auf den Markt kommen und um die 900 Mark kosten.

Ein weiteres Gerät für den Atari ST stellte die Firma Beta Systems Computer AG vor: den "Supercharger". Das ist der zweite MS-DOS-Emulator für den Atari ST, den es auf dem Markt gibt. Im Gegensatz zum "PC-Speed" (siehe Test in Ausgabe 10/89) wird er an den DMA-Port des STs angeschlossen. In dem kleinen Gerät ist ein nahezu vollständiger MS-DOS-PC enthalten, nur die Schnittstellen und den Bildschirm stellt der ST zur Verfügung. Der Supercharger kostet um 800 Mark und ist laut Hersteller ab sofort lieferbar.

Eine pfiffige Idee konnte die Firma Rolf Rocke Computer präsentieren: eine Speichererweiterung für den Mega 1. Durch seinen internen Aufbau kann der Mega 1 nicht so ohne weiteres mit mehr Arbeitsspeicher versorgt werden (siehe Test in Ausgabe 9/89). Der Preis für den Zusatzspeicher: um 750 Mark für 2 MByte und um 1500 für die 4-MByte-Erweiterung.

Für Geräte der Mega ST-Baureihe bietet die Firma Maxon eine Grafikkarte an. War auf der CeBIT '89 noch ein Prototyp zu sehen, so konnten die Besucher jetzt das fertige Produkt begutachten. Die Grafikleistungen sind beachtlich: 800 x 600 Pixel in 256 Farben aus einer Palette von 262144 Farben, 640 x 480 Pixel mit 256 Farben aus 262144, 896 x 648 Pixel mit 16 aus 262144 Farben, 1280 x 1024 Pixel mit 16 aus 262144 Farben und 1280 x 960 Pixel monochrom. Der Preis des MGE (Maxon Graphic Expansion) liegt bei rund 1800 Mark.

Das erste Synonymwörter-Lexikon für den Atari ST stellte RR-Soft vor. Es heißt "3rd Word", funktioniert als Accessory (arbeitet ständig im Hintergrund) und kann aus jedem GEM-Programm gestartet werden. Die Grundversion mit 50000 Begriffen kostet rund 70 Mark, eine erweiterte Version mit rund 65000 Begriffen und Redewendungen soll etwa 100 Mark kosten. Eine neue Version von Adimens ST, dem Datenbankprogramm für den Atari ST, stellte die Firma ADI vor. Das Programm heißt jetzt Adimens ST 3.0 plus und kostet rund 400 Mark. Der Preis für ein Update von Version 2: rund 150 Mark.

Da man Adimens ST auch programmieren kann, gibt es bereits verschiedene Programmiersysteme für die Sprachen C, Pascal und Basic. Ein weiteres Programmiersystem für SPC-Modula 2 zeigte Advanced Applications Viczena auf der Messe, es nennt sich "SPC AdiProg” und kostet rund 250 Mark. Wer mit Modula-2 programmieren kann, hat keine Mühe, innerhalb kürzester Zeit eine umfangreiche Datenbank-Anwendung zu schreiben.

Von Application Systems Heidelberg war eine neue Textverarbeitung zu sehen: "Script" arbeitet im Grafikmodus, kann bis zu 256 Zeichensätze laden und bietet Proportionalschriften. Die wichtigsten Funktionen einer Textverarbeitung sind im Preis von knapp rund 200 Mark ebenfalls enthalten.

Einmal mehr beweist die Atari-Messe, wie wichtig der deutsche Markt für Atari geworden ist, die deutsche Atari-Niederlassung ist die umsatzstärkste Filiale der US-Firma. Sam Tramiel hat deshalb auch die Premiere des TT und STE auf eine deutsche Messe gelegt und nicht wie in der Vergangenheit üblich auf eine amerikanische.

Auch in Zukunft strebt Tramiel nach Höherem: Mit seinem neuen Flaggschiff, dem TT (und mit einigen anderen noch geheimen Produkten, die 1990 vorgestellt werden sollen), will er für Atari den großen PC-Markt erobern und Atari zu einem der wichtigsten Hersteller machen. Man darf also schon jetzt auf die nächste Atari-Messe (24. bis 26. August 1990, auch wieder in Düsseldorf) gespannt sein. kl



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